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Das Licht verschwindet, doch das Leben geht weiter

Russland greift systematisch die zivile Energieinfrastruktur der Ukraine an. Angriffe auf Kraftwerke und Umspannwerke verursachen massive Strom-, Heizungs- und Wasserausfälle und treffen gezielt die Zivilbevölkerung. Allein in Kyjiw sind rund 60.000 Haushalte ohne Strom, bei einer Außentemperatur von -15 Grad.

Kseniia Levadna

Kseniia Levadna

Referentin Öffentlichkeitsarbeit

Das Licht verschwindet, doch das Leben geht weiter

Millionen Menschen leben mit Abschaltplänen oder vollständig ohne Strom – bei Minusgraden, im Dunkeln und mit eingeschränktem Zugang zur grundlegendsten Versorgung.
Trotz dieser Bedingungen setzen unsere ukrainischen Kolleg*innen ihre Arbeit fort: Sie leisten psychosoziale Unterstützung, koordinieren humanitäre Hilfe und versorgen Familien mit Kindern sowie pflegebedürftige Menschen in frontnahen Regionen.
Ich habe mit ukrainischen Kolleginnen von Somatic Experiencing Ukraine und Angels of Salvation aus verschiedenen Städten gesprochen. Ihre Berichte zeigen den Alltag zwischen Arbeit und einem undenkbaren Alltag.

Anastasiia Yastreb, Kyjiw

Projektmanagerin, SMM Managerin, NGO Somatic Experiencing Ukraine

Im Luftschutzkeller ist es aktuell viel zu kalt, deshalb schlafen Anastasiias Kinder im Flur.

Besonders belastend ist der Alltag mit Kindern ohne verlässlichen Zugang zu Wasser und Strom. Manchmal bleiben nur Feuchttücher. Gekocht wird auf einem Campingkocher. Was früher undenkbar war, ist heute Routine – nicht aus Heroismus, sondern aus Notwendigkeit.

Manchmal arbeitet Anastasiia von ihrem Balkon aus. Ihr wenige Monate altes Baby schläft dort an der frischen Luft. Während der Stromausfälle funktioniert der Aufzug nicht, die Familie kann die Wohnung nicht verlassen. „Der Balkon ist unser Spaziergang“, sagt sie.

Sabina Bezverkha, Dnipro

Kommunikationsmanagerin, Angels of Salvation Team

Sabina kaufte sich noch vor dem Krieg eine kleine batteriebetriebene Lampe. Damals war sie für sie vor allem ein gemütlicher Gegenstand. Später nahm sie diese Lampe bei der Evakuierung aus Slowjansk mit. Während der Blackouts wurde sie zur einzigen Lichtquelle.

Derzeit gibt es bei ihr täglich bis zu 17 Stunden keinen Strom. Ohne Strom fehlen auch Wasser und Heizung. Sabina und ihre Familie halten stets Vorräte an Wasserbereit und schlafen nachts in warmer Kleidung. Die Telefone werden im Büro geladen, dort steht ein Generator zur Verfügung. Zumindest am Arbeitsplatz gibt es Licht, Wärme und Internet, was es ermöglicht, die Arbeit fortzusetzen und Menschen weiterhin zu unterstützen – trotz Blackouts und Beschuss.

„Heute habe ich etwa 17 Stunden am Tag keinen Strom. Ohne Strom gibt es auch kein Wasser und keine Heizung.“

Anna Sobinova, Kyjiw

Traumatherapeutin, NGO Somatic Experiencing Ukraine

Annas Tag beginnt nicht mit Arbeit, sondern mit Strom. Sobald es Licht gibt, lädt sie alles gleichzeitig: Handy, Laptop, Powerbanks, Lampen. Parallel kocht sie, wäscht, füllt Thermoskannen, macht Kaffee für später. Erst danach kann sie an ihre eigentliche Arbeit denken. Beratungen mit Klient*innen lassen sich kaum planen. Die Abschaltpläne können sich jederzeit ändern.. Anna arbeitet so lange, wie der Akku reicht – und berücksichtigt immer, dass mobiles Internet nur wenige Stunden nach einem Stromausfall stabil bleibt.

„Man muss ständig flexibel sein“, sagt sie. Zwischen Haushalt, Arbeit und Unsicherheit sucht sie nach Balance – und findet sie manchmal genau darin.

Inna Khartova, Kyjiw

Leiterin der NGO Somatic Experiencing Ukraine

Fotos bereitgestellt von Teammitgliedern von Somatic Experiencing Ukraine und Angels of Salvation.

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Für Inna bedeutet jeder Moment mit Strom sofortiges Handeln. Sobald das Licht zurückkehrt, lädt sie gleichzeitig Geräte, Lampen und Powerbanks, kocht, wäscht und erhitzt Wasser. Berufliche Aufgaben – Zoom-Meetings, Dokumente, Koordination – laufen weiter, sofern das Internet verfügbar ist.

Ohne Strom arbeitet sie solange ihr Laptop Akku hat. Online-Besprechungen finden ohne Kamera statt,um die eh instabile Verbindung nicht weiter zu belasten.. Da alle Kolleg*innen unterschiedliche Abschaltzeiten haben, führt sie oft Gespräche einzeln, was vieles verzögert. Besonders schwierig sind Situationen, in denen Dokumente ausgedruckt, unterschrieben, eingescannt und verschickt werden müssen. Dann sucht Inna nach einem Ort mit Strom – manchmal im eigenen Viertel, manchmal weiter weg – oder wartet bis spät abends, bis wieder Licht da ist.

„Es bedeutet, ständig mobilisiert zu sein: Wenn es Strom gibt, müssen sofort alle Geräte geladen werden. Und trotzdem versuchen wir, dieses Leben weiterzuleben.“

Sofiia Runova, Odesa

Projektkoordinatorin, NGO Somatic Experiencing Ukraine

Sofiia lebt in einem Haus aus dem frühen 19. Jahrhundert. Ohne Strom gibt es dort keine Heizung. An besonders kalten Tagen sieht sie ihren Atem in der Wohnung.

In Odesa kann der Strom für mehrere Tage ausfallen. Der elektrische Nahverkehr steht seit Wochen still. Wenn ihre Arbeitsgeräte leer sind, geht Sofiia auf die Suche nach einem Ort zum Aufladen – manchmal bedeutet das Warten in der Schlange. Studium und Arbeit finden unter permanenter Unsicherheit statt: schwacher Empfang, kaum Akku, Luftabwehrgeräusche im Hintergrund. „Wir unterstützen uns gegenseitig“, sagt sie. „Und wir machen weiter.“

Anna Volokushyna, Dnipro

Leiterin der Abteilung für individuelle Hilfe, Angels of Salvation Team

Der Winter stellt für Anna jedes Jahr eine Herausforderung dar. Nach dem ersten Blackout gab es in ihrem Haushalt anderthalb Tage lang weder Strom noch Wasser. Auch die Heizung funktioniert bei einem Stromausfall nicht. Das Gebäude ist alt und verliert sehr schnell Wärme. Um grundlegende Funktionen aufrechtzuerhalten, baute Annas Mann aus einer alten Batterie eine kleine Stromquelle, mit der zumindest ein Telefon geladen und eine Lichterkette betrieben werden kann. Diese steht weiterhin im Zimmer und sorgt für Licht.

„Der Winter ist immer schwer. Dieses Jahr ist keine Ausnahme.“

Nadiia Lokot, Tschernihiw

Therapeutin und Projektkoordinatorin, NGO Somatic Experiencing Ukraine

Nadiia arbeitet mit Menschen, die Gewalt und schwere Traumata erlebt haben. Dafür muss sie erreichbar sein – auch dann, wenn Strom, Wärme und Internet fehlen.

Ihre Familie hat in eine Batterie mit Wechselrichter investiert. Das ist ein Privileg, sagt sie, aber ohne diese Lösung könnte sie ihre Arbeit nicht machen.  Nachts fällt die Temperatur in der Wohnung auf etwa elf Grad. Tagsüber arbeitet Nadiia oft unter einer Heizdecke, mit Thermoskanne und Katzen. Zwischen Projektkoordination und Krisenintervention organisiert sie parallel das eigene Überleben.

„Ich weiß nicht, wie wir das alles schaffen“, sagt sie. „Aber wir tun es.“

Verfasst von

Kseniia Levadna

Referentin Öffentlichkeitsarbeit

Mit 8 Jahren Erfahrung in der Arbeit mit ukrainischen NGOs im Bereich Menschenrechte, Urbanistik sowie in Bildungs-, Kultur-, Sozial- und Kunstprojekten bringt sie umfassende Expertise in Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit mit.

kseniia.levadna@libereco.org