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Amnestie und Abschiebung für 25 politische Gefangene aus Belarus

"Ich habe 30 Kilo meines Gewichts in meiner Heimat zurückgelassen." 25 politische Gefgangene wurden begandigt und nach Litauen abgeschoben. Was bedeutet aber die neu erlangte Freiheit in einem anderen Land für die ehemaligen politischen Gefangenen?

Florian Wiedemann

Florian Wiedemann

Programmverantwortlicher Belarus

Amnestie und Abschiebung für 25 politische Gefangene aus Belarus

Nach einem Treffen zwischen dem US-Sondergesandten John Coale und Aliksandr Lukaschenka am 16. September, erliess der belarusische Machthaber für 25 politische Gefangene eine Amnestie. Im Gegenzug erhielt er eine Erleichterung der Sanktionen.

Unter den Freigelassenen befanden sich unter anderem alle Mitglieder der belarusischen Rockgruppe Tor Band, Sviatlana Yakubovich – freiwilliges Mitglied von Viasna, Pavel Belavus – Kulturschaffender und Gründer eines Souvenirladens oder Lyudmila Chekina – ehemalige Generaldirektorin von TUT.BY, dem grössten belarusischen unabhängigen Online-Medium.

Sie alle befinden sich jetzt in Freiheit. Aber anstatt zu ihren Familien zurückzukehren, wurden diese Menschen ohne Dokumente aus Belarus nach Litauen deportiert (in diesem Fall betrifft dies alle 25 Freigelassenen, bei früheren Amnestiewellen konnte ein Teil in Belarus bleiben). Sie befinden sich jetzt zwar in Sicherheit, aber ihre zwangsauferlegte Odyssee geht weiter, wenn auch unter anderen Vorzeichen.

Ich habe 30 Kilo meines Gewichts in meiner Heimat zurückgelassen. (Andrei Aliaksandrau)

Diese ehemaligen politischen Gefangenen teilen ein Schicksal: Sie alle wurden unrechtmässig und unter fadenscheinigen Gründen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie ihre Meinung frei äusserten, friedlichen Widerstand gegen das Regime leisteten oder schlichtweg dessen Ansichten nicht vertraten.

Galerie

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Andrei Aliaksandrau; vor und nach der Gefangenschaft @spring96.org
Liudmila Chekina ©spring96.org
Pavel Belavus ©spring96.org
Tatsiana Kouzina ©spring96.org

In Belarus werden politische Gefangene in einem menschenrechtswidrigen und diskriminierenden Strafsystem gefangengehalten. Die Ernährung ist mangelhaft, die medizinische Versorgung praktisch inexistent und das Haftregime von Willkür geprägt. Die Haft hinterlässt vor allem bei ehemaligen politischen Gefangenen physische und psychische Spuren; je länger die Haftdauer, desto tiefer die Narben, die es jetzt zu heilen gilt.

Es ist sehr schwer, hinter Gittern zu leben. Es ist, als wäre man lebendig begraben. Unsere Eltern sind gestorben, und wir konnten nicht an ihrer Beerdigung teilnehmen. Unsere Kinder sind ohne uns aufgewachsen. (Liudmila Chekina)

Die freigelassenen politischen Gefangenen sind nun auf die ungebrochene Solidarität und grosse Hilfsbereitschaft der belarusischen Exilgemeinschaften in ganz Europa angewiesen. Nebst der Gewöhnung an das neue Leben in Freiheit, sind sie mit schweren gesundheitlichen Schäden konfrontiert: kaputte Zähne, chronische Krankheiten, psychische Probleme bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen. Diese Probleme müssen umgehend angegangen werden, um den Neustart zumindest zu erleichtern. Denn zusätzlich müssen sie einen langwierigen und belastenden Prozess um eine Aufenthaltsgenehmigung durchlaufen und sind dabei nur minimal krankenversichert. Und sie müssen eine neue Sprache lernen und eine Wohnung sowie eine Arbeit finden.

Diese Situation übersteigt dann auch vor allem die finanziellen Kapazitäten der belarusischen Hilfsorganisationen. Aus diesem Grund stehen wir den ehemaligen politischen Gefangenen nicht nur solidarisch zur Seite. Wir helfen ihnen aktiv in der medizinischen Rehabilitation und begleiten sie durch diesen Prozess.

Mit ihrer Spende unterstützen Sie unser medizinisches Rehabilitationsprogramm für ehemalige politische Gefangene, sodass sie baldmöglichst in ihr neues Leben in Freiheit finden und die erfahrene Ungerechtigkeit überwinden können.

Verfasst von

Florian Wiedemann

Programmverantwortlicher Belarus

Florian Wiedemann hat Internationale Osteuropastudien am Slavischen Seminar der Universität Zürich studiert. Während dem Studium befasste er sich viel mit Belarus, Tschernobyl und der belarusischen Oppositionsbewegungen.

florian.wiedemann@libereco.org