30 Jahre Viasna – 40 Jahre Tschernobyl. Was die nukleare Katastrophe mit Menschenrechten zu tun hat
Wenn es um Menschenrechtsarbeit in Belarus geht, ist das Menschenrechtszentrum "Viasna" nicht wegzudenken. Zum 40. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe, feiert Viasna zugleich den 30. Geburtstag. Dieser Zusammenhang kommt nicht von ungefähr…

Florian Wiedemann
Programmverantwortlicher Belarus

Vor 40 Jahren, am 26. April 1986, nahm die Katastrophe von Tschernobyl (ukr. Tschornobyl / bel. Tscharnobyl) ihren Lauf. Im Zuge eines Sicherheitstests sollte die automatische Notkühlung überprüft werden, wobei die Operateure einen Stromausfall simulierten. Eine fatale Verkettung technischer und menschlicher Fehler führte schliesslich zu einer unkontrollierbaren atomaren Kettenreaktion im Reaktorkern. Die daraus resultierende Explosion zerstörte das komplette Kraftwerksgebäude und schleuderte hochradioaktive Reaktorteile in die Umgebung. Der tagelange Brand im Reaktor setzte zusätzlich Unmengen an radioaktiven Partikeln frei, die sich in den folgenden Tagen über halb Europa verteilten.
Rund 70% des radioaktiven Fallouts fiel auf das heute belarusische Staatsgebiet ab und kontaminierte damit rund einen Viertel des Staatsgebiets, Zuhause von 2.2 Millionen Menschen. Tschernobyl fiel in eine Zeit des beginnenden soziopolitischen Umbruchs in der Belarusischen Sozialistischen Sowjetrepublik zusammen. Soziale Schwierigkeiten, Geheimhaltung, offizielles Verschweigen und politische Unzulänglichkeiten schürten die Vertrauenskrise, die in der Bevölkerung gegenüber dem sozialistischen Regime vorherrschte, weiter an. Dieser Unmut resultierte 1989 in einer grossen Demonstration unter dem Namen “Tschernobyl Weg/Marsch” (bel. Tscharnobylski schljach).
Vor 30 Jahren, am 26. April 1986, nahm die Gründung des belarusischen Menschenrechtszentrum “Viasna” (belarusisch für Frühling) ihren Lauf. Um die Menschenrechte stand es in Belarus schlecht; Lukaschenko war bereits an der Macht und baute sein Regime unaufhaltsam aus. 10 Jahre nach der Katastrophe fand der “Tschernobyl Weg/Marsch” eine Neuauflage und stand wie bereits zuvor nicht nur in Zusammenhang mit Tschernobyl, sondern verband gleichzeitig den Protest gegen Lukaschenkos Herrschaft und das angestrebte Unionsbündnis mit Russland. Einer der Mitorganisatoren und Teilnehmenden war Ales Bialiatski. Er war zugleich auch Zeuge, wie die Sicherheitskräfte die Demonstration gewaltsam aufzulösen versuchten und die Protestierenden verhafteten. Über diese Ereignisse berichtete Ales:
Für mich war dieser Polizeiangriff auf friedliche Demonstranten ein Schock. Seit 1988 […] hatte die Polizei es vermieden, brutale Gewalt gegen Demonstranten anzuwenden… Und nach sieben Jahren eines Gewaltmoratoriums begann es. Die psychologische Barriere, die die Sicherheitskräfte all die Jahre von Gewalt abgehalten hatte, war durchbrochen.
In diesem Moment kam Ales die Idee, ein Menschenrechtszentrum zu gründen. Zusammen mit Mitstreitenden packte er Lebensmittel in Tüten, brachte sie zur berüchtigten Haftanstalt in der Akreschtschina Strasse und übergab sie den Verhafteten, die aus der Anstalt entlassen wurde. Das war eine Art Wiedergutmachung, ein Zeichen der Anerkennung dafür, dass eine Person zu Unrecht gelitten hatte. Damit war der Grundstein für “Viasna” gelegt. Über die Jahre baute “Viasna” seine Tätigkeiten aus und wurde so zu einer der wichtigsten und beständigsten Menschenrechtsorganisationen in Belarus.
Doch “Viasna” stand von Anfang an unter Druck; mit Durchsuchungen, Beschlagnahmungen, Festnahmen und Anzeigen versuchte das Regime alles, um das Engagements von Ales und seinen Mitstreiter:innen zu brechen. Doch sie liessen sich trotz aller Verfolgung nicht unterbringen und gaben ihre Arbeit nie auf, oder wie Ales es betonte:
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Wir haben dies nicht aufgegeben und nicht gesagt, dass es unmöglich ist, dieses Meer menschlichen Leids mit einem Löffel herauszuschöpfen.
Die Einsatzbereitschaft zahlte sich aus, “Viasna” erhielt über die Jahrzehnte hinweg viele wichtige Auszeichnungen. Ales Bialiatski wurde 2022 sogar mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, während er als politischer Gefangener in Haft sass. Insgesamt verbrachte er selbst über sieben Jahre seines Lebens in politisch motivierter Gefangenschaft, bis er im Dezember 2025 vorzeitig freigelassen und aus Belarus ausgewiesen wurde. Ales hat also direkten Einblick in ein System der politischen Unterdrückung. Über seine Erfahrungen in Haft, die Wichtigkeit der Menschenrechtsarbeit und die Dringlichkeit der Solidarität sowie des öffentlichen Bewusstseins, sagt er:
In solchen Momenten beginnt man, die Bedeutung und den Wert der Menschenrechtsarbeit noch besser zu verstehen. Ausserdem hat diese Arbeit verschiedene Ausdrucksformen: von Care-Paketen bis hin zu Solidaritätsbriefen, die einen zwar kaum erreichen, die man aber auf einer metaphysischen Ebene spürt. […] Je größer die öffentliche Kontrolle ist, desto eher hält sie die Behörden davon ab, repressive Methoden gegen politische Gefangene anzuwenden.
Viasna ist nicht nur ein langjähriger, sondern einer unserer wichtigsten Partner, dem wir nicht nur durch unsere gemeinsamen Ziele und Arbeitsfeldern, sondern auch freundschaftlich sehr verbunden sind. Wir gratulieren “Viasna” ganz herzlich zum 30. Geburtstag und wünschen Ales sowie all seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern alles Gute, viel Kraft und grosse Ausdauer. Wir stehen “Viasna” weiterhin eng und tatkräftig zur Seite und unterstützen die politischen Gefangenen, bis sie frei in Belarus leben können.
Lesetipps:
- Viasna: Ales Bialiatski on the 30th anniversary of the organization: “Viasna has become stronger”; Hier online lesen.
- Swetlana Alexijewitsch: Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft.
- Astrid Sahm: Die weissrussische Nationalbewegung nach der Katastrophe von Tschernobyl.
- Aliaksandr Dalhouski / Astrid Sahm: Tschernobyl in Belarus; Hier online lesen.
