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Wiederkommen, Ankommen

Das frisierte Moped der Jugendlichen im Berliner Kiez könnte eine Shahed-Drohne sein, der Baustellenlärm eine Explosion. Die Rückkehr aus der Ukraine nach Deutschland ist nicht nur mit logistischen Herausforderungen verbunden.

Ira Ganzhorn

Ira Ganzhorn

Referentin Humanitäre Hilfe

Wiederkommen, Ankommen

Mehr als einmal habe ich aktuelle Meldungen der Polizei im Internet abgerufen. Ein Teil meines Verstandes weiß: Nein, das war keine Explosion. Nein, die Stadt steht nicht unter Beschuss. Ein anderer Teil von mir ist dennoch weiterhin in Alarmbereitschaft: Was ist der schnellste Weg nach draußen, was ist das sicherste Versteck? Ist der Weg zur U-Bahn zu weit oder wäre er noch machbar?

Jeder Angriff, jede Explosion in der Ukraine vertiefen diesen Graben.

Ich kehre zwar nach Deutschland zurück, aber ob ich hier auch wirklich wieder ankomme?

Bei Hubschraubergeräuschen schaue ich in den Himmel und versuche das Geräusch zu orten.  An besonders schlechten Tagen kann ich die Anzahl der vorbeigeflogenen Hubschrauber und Flugzeuge am Abend benennen.

Einmal habe ich einen Freund hinter eine Mauer auf den Boden gezerrt – in Hamburg am helllichten Tag. In der Nähe von uns war eine Baustelle. Mein Gehirn konnte das Geräusch und die Umgebung nicht miteinander in Einklang bringen und ließ mich das tun, was am sinnvollsten schien: Andere und mich selbst in Sicherheit bringen.

Manchmal sehe ich die besorgten Blicke meiner Freunde. Wenn ich bei lauten Geräuschen zusammenzucke oder den Himmel absuche. Zu Beginn der russischen Invasion ging das Umschalten noch schnell, mir war innerhalb weniger Stunden klar, dass ich wieder in Deutschland, in Sicherheit bin. Im fünften Jahr des Angriffskrieges ist es schon schwieriger.  Es vergehen mehrere Tage, manchmal sogar Wochen, bis es wieder besser wird.

Alpträume, schlaflose Nächte und ständige Alarmbereitschaft machen mir das Leben schwer.

Foto aus dem LIBERECO-Büro

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Diesen Text schreibe ich an einem Werktag um halb zwei Uhr nachts. Auf meinem Nachttisch liegt ein Buch zur Selbstfürsorge in helfenden Berufen. Ob wohl ein Buch über das Überleben eines Angriffskrieges geplant ist?

Sich aktiv zu orientieren ist einer der Ratschläge, den ich bekommen habe. Und so stehe ich manchmal an Berliner Kreuzungen und zähle fünf gelbe oder fünf blaue Dinge. Fünf Dinge, die ich hören kann, vier Dinge, die ich sehen kann, drei Dinge, die ich riechen kann, zwei Dinge, die ich schmecken kann, eine Sache, die ich fühlen kann – diese Strategien sind meine treuen Begleiter.

Gleichzeitig plagt mich mein Gewissen. Der ukrainische Lyriker Yevgeniy Breyger hat es die „endlose Treppe der Scham“ genannt. Wir alle schämen uns vor jemandem, der vermeintlich mehr tut als wir selbst. Die Menschen im zivilen Leben schämen sich vor den Angehörigen der Streitkräfte, die Menschen im Ausland schämen sich vor denen, die in der Ukraine geblieben sind, und so geht die Treppe der Scham endlos weiter.

Also was beschwere ich mich hier, in Berlin lebend, über meine Ängste?

Es gibt einerseits Menschen, die jeden Tag in frontnahen Städten verbringen oder gar im Schützengraben liegen. Andererseits sind da die Menschen, die noch nie eine solche Aggression erlebt, noch nie Explosionen gehört, keine brennenden Häuser und keine Kinder gesehen haben, die im Luftschutzkeller beten. Kein Testament, Abschiedsbriefe und Anweisungen für die eigene Beerdigung in der Schublade liegen haben. Noch nie hätten getötet werden sollen.

Schreiben, kreativ sein, etwas mit den Händen machen – alles gute Strategien für mich.

Ich habe bereits drei Texte geschrieben, dreizehn Paar Ohrringe gebastelt und meine Wohnung in eine Baustelle verwandelt. Nachdem ich eine kombinierte Drohnen-Ballistik-Attacke in Dnipro überlebt habe und am nächsten Tag mein Zug aufgrund Drohnenbeschuss evakuiert werden musste, haben sich meine Bewältigungsmechanismen in eine Flucht verwandelt.Ich tracke die Anzahl der gelesenen Seiten meiner Bücher und die Anzahl der gelaufenen Schritte. Ich versuche, den erlebten Kontrollverlust durch vermeintliche Kontrolle anderer Lebensbereiche wiederherzustellen. Aber ich weiß, dass das so nicht funktionieren wird. Denn die Sicherheit meiner Umgebung überträgt sich nicht auf mein Empfinden. Und hinter der nächsten Straßenecke pocht schon der nächste Presslufthammer.

Verfasst von

Ira Ganzhorn

Referentin Humanitäre Hilfe

Ira Ganzhorn ist Referentin Humanitäre Hilfe bei Libereco – und ihr Start war alles andere als gewöhnlich: Ihr Vorstellungsgespräch fiel auf den 24. Februar 2022, den Tag der russischen Vollinvasion. Geboren in Charkiw, war sie zuvor an den EU-Außengrenzen und in der politischen Bildung aktiv.

ira.ganzhorn@libereco.org