Wie überlebt man den Winter in Charkiw?
Ich sitze auf dem Beifahrersitz neben meiner Freundin Ivanka. Plötzlich sagt sie: „Schnall dich nicht an.“ Ich lache. „Ist das ein neues Gesetz in Charkiw?“ Sie antwortet ernst: „Es kommt darauf an, wovor du mehr Angst hast – vor einem Unfall oder davor, bei einem russischen Drohnenangriff nicht rechtzeitig aus dem Auto zu kommen.“ Wir lachen. Aber wir schnallen uns nicht an.

Kseniia Levadna
Referentin Öffentlichkeitsarbeit

Charkiw – eine Großstadt im Osten der Ukraine, nur 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt – lebt mit diesem Widerspruch: Regeln gelten weiter, aber im Krieg bekommt jede Regel einen Zusatz.
Draußen sind es an diesem Wintertag minus 24 Grad. In meiner Wohnung sind es plus 12. Ich beginne, innerlich eine Liste zu schreiben: Regeln zum Überleben in Charkiw im Winter.
Russland greift nicht nur die Infrastruktur an – es versucht, den Menschen die mentale Kraft zu rauben. Kälte und Dunkelheit verwandeln Wohnungen und Büros in gedrungene, stille Räume. Niemand weiß, wie lange dieser Zustand andauern wird. Trotzdem finden die Menschen Wege, weiterzumachen.
Regel 1: Schnall dich nicht an – oder entscheide selbst, wovor du dich mehr fürchtest.
Regel 2: Sei auf alles vorbereitet.
Darja von unserer Partnerorganisation WBWU sagt mir halb scherzhaft: „Das Wichtigste für die Menschen hier ist ein Zeitplan – ein Plan für Beschuss, Strom- und Heizungsausfälle.“
Doch nichts davon lässt sich planen. In dieser Woche ist das Heizkraftwerk Nummer 5 getroffen worden – große Teile der Stadt bleiben nun ohne Wärme. An einem anderen Tag führt ein Hackerangriff zu einem Stromausfall in fast allen Stadtteilen.
Regel 3: Wenn du duschen willst, steh um vier Uhr morgens auf.
Fotos aus dem Archiv von Kseniia Levadna







Sobald es Strom gibt, erledigen alle alles gleichzeitig: Wasser erhitzen, Geräte laden, Wäsche waschen. Niemand will seine Chance verpassen, denn niemand weiß, wie lange Strom und Wasser verfügbar sein werden – früh aufzustehen ist die sicherste Option.
Regel 4: Wenn du zu Fuß unterwegs bist, trage Reflektoren. Wenn du Auto fährst, lerne, im Dunkeln und auf Eis zu fahren.
Ohne Strom funktionieren keine Ampeln, keine Straßenlaternen. Die Straßen können nicht mehr geräumt werden und sind vereist. So wird jede Kreuzung zu einem Test für Geduld und Vorsicht. Als Fußgänger bist du in der Dunkelheit unsichtbar. Reflektoren retten dich.
Regel 5: Haltet zusammen.
Ein Treffen bei Kaffee oder Wein, bei dem du offen sagen darfst, dass du Angst hast, ist überlebenswichtig. Nicht stark sein müssen. Menschlich bleiben.
Regel 6: Finde Wege, dich selbst und deine Liebsten zu beruhigen.
Albina von der Organisation X-Traverse hat vor Kurzem ein Kind bekommen. Mit ihrem Partner Ruslan organisiert sie Evakuierungen aus Gebieten nahe der Front. Trotz der Gefahr machen sie weiter.
Albina sagt: „Das Wichtigste ist, dass meine Powerbank geladen ist – damit ich meinem Sohn ein Schlaflied vorspielen kann.“

