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Wenn selbst Schutzräume nicht mehr sicher sind

Drei meiner Freundinnen und Kolleginnen aus Kyjiw erzählen, wie sie die Nacht des russischen Angriffs am 24. Mai erlebt haben: im Flur der eigenen Wohnung, in der überfüllten Metro, zwischen zerstörten Fenstern, ausgebrannten vertrauten Orten und der Erschöpfung danach. Was hinter den Zahlen in den Nachrichten steht – und warum russischer Terror niemals zur Normalität werden darf.

Kseniia Levadna

Kseniia Levadna

Referentin Öffentlichkeitsarbeit

Wenn selbst Schutzräume nicht mehr sicher sind

Am Morgen des 24. Mai öffnete ich meine Nachrichten-Feeds – und sah bei fast allen Freundinnen, Freunden und Bekannten aus Kyjiw die Folgen des nächtlichen russischen Angriffs.

Ich kann nicht sagen, dass mich solche Nachrichten noch überraschen. In mehr als vier Jahren des russischen Angriffskrieges haben wir viel zu viele Bilder von Zerstörung, Verletzten und Toten gesehen.

Und doch war es diesmal anders.

Meine Freundinnen und Freunde posteten Videos, die sie von ihren Fenstern aus aufgenommen hatten: brennende Wohnhäuser, zersplitterte Scheiben, Rauch über den Straßen, Trümmer in den Innenhöfen. Fast alle diese Videos kamen aus demselben Stadtteil.

Ich kenne Kyjiw. Ich weiß, wie groß diese Stadt ist. Gerade deshalb konnte ich nicht begreifen, was ich da sah. Wie kann es sein, dass so viele Menschen, die ich kenne, in derselben Nacht Explosionen vor ihren Fenstern filmen?

In dieser Nacht feuerte Russland Dutzende Raketen und Hunderte Drohnen auf die Ukraine ab. Der Angriff dauerte mehrere Stunden und richtete in der gesamten Hauptstadt schwere Schäden an. Auch die Metrostation Lukjaniwska wurde getroffen – ein Ort, der für viele Menschen eigentlich Schutzraum sein sollte.

Ich fragte Freundinnen, Freunde und Kolleginnen aus Kyjiw, wie sie den Angriff erlebt haben, und bat sie, ihre Gedanken, Erinnerungen und Eindrücke mit mir zu teilen.

 

Mariia Golovnia, Marketing Specialist

Es war die schlimmste Nacht seit Februar 2022. Ein Raketenangriff, bei dem eine der Raketen in das Nachbarhaus einschlug.

Ich versteckte mich im Flur meiner Wohnung, weil es unmöglich war, zur U-Bahn Station zu gelangen, die normalerweise als Schutzraum dient: Eine weitere russische Rakete hatte die Station getroffen, der Eingang war verschüttet. Auch die nächsten Schutzräume waren überfüllt. In solchen Momenten bleibt einem nur, zu sitzen und zu warten.

Wenn man das Pfeifen einer Rakete hört, versteht man: Sie fliegt entweder direkt auf dich zu oder ganz in deine Nähe. Diese wenigen Sekunden fühlen sich an wie eine Ewigkeit.

Nach dem Angriff ging ich nach draußen. Das Nachbarhaus brannte. Ein Teil des Gebäudes war einfach verschwunden – an seiner Stelle klaffte ein riesiges Loch. Da wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, dass Menschen in den ersten Minuten nach einem Einschlag oft ganz allein mit ihrem Unglück bleiben.

Auch heute spüre ich die Folgen. Plötzliche Geräusche auf der Straße, Verkehrslärm oder ein unerwarteter Knall können starke Angst auslösen. Mein Herz schlägt schneller, meine Atmung beschleunigt sich, und mein Gehirn braucht Zeit, um zu begreifen, dass es kein neuer Angriff ist. Damit lerne ich bis heute zu leben.

 

Fotos zur Verfügung gestellt von den Autorinnen der Kommentare.

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Yuliia Matviychuk, Menschenrechtsverteidigerin und Mitgründerin von Crisis Insight

Wegen dieses Angriffs ging ich zum Schlafen in die U-Bahn Station, weil schon seit dem Nachmittag vor einem schweren Beschuss gewarnt wurde. Solche Warnungen nehme ich besonders ernst, wenn sie von der US-Botschaft kommen. Obwohl ich lange nicht mehr in einen Schutzraum gegangen war, ging ich an diesem Samstag hin.

Es waren sehr, sehr viele Menschen dort. Es gab kaum Platz für einen Schlafsack. Schlafen war fast unmöglich: Es war stickig, laut, und ständig las jemand laut die neuesten Meldungen vor – was wohin fliegt, was gerade passiert. Am nächsten Tag war ich völlig erschöpft.

Mein Freund blieb in der Wohnung. Später erzählte er, es sei sehr laut gewesen und das ganze Haus habe gezittert. Sein Musikstudio liegt an der Metrostation Lukjaniwska, wo vieles ausgebrannt ist. Der Studioraum selbst blieb erhalten, weil es dort keine Fenster gibt. Aber Teile der Decke und der Wände stürzten herunter. Den ganzen Montag räumten wir Staub und Putzstücke aus dem Studio.

Es war ein weiterer schrecklicher Angriff. Für Kyjiw war er nicht völlig neu. Aber er fühlte sich besonders schmerzhaft an, weil viele vertraute Orte brannten: Cafés, Geschäfte, der Markt, Gebäude im Zentrum. Auch das Tschernobyl-Museum wurde teilweise beschädigt. Das trifft die Psyche sehr.

 

Sasha Barkova, Marketing Specialist und Menschenrechtsverteidigerin

Es gab eine Zeit, in der meine Familie und ich fast aufgehört hatten, in Schutzräume zu gehen. Nach einem schweren Winter, in dem wir fast jede Nacht in der U-Bahn-Station verbracht hatten, waren wir müde. Als die Angriffe für eine Weile weniger intensiv wurden, begannen wir, die Schutzräume zu ignorieren.

Doch der vorherige Angriff war so beängstigend gewesen, dass sich die Wände durch die Druckwellen bewegten. Deshalb beschlossen wir, wieder in der U-Bahn-Station zu übernachten.

Etwa 20 Sekunden nachdem wir hineingelaufen waren, begannen ununterbrochen Explosionen. Rund um unsere U-Bahn-Station fielen Trümmer von Raketen und Shahed-Drohnen herab. Es war sogar unter der Erde laut.

In der Metro stellen wir normalerweise ein kleines Zelt auf, nehmen warme Decken und Tee oder Kaffee in der Thermoskanne mit. Ich nehme schon im dritten Jahr in Folge ein Zelt mit in den Schutzraum, weil meine kranke Katze in einem geschlossenen Raum ruhiger ist als einfach so in der Metro-Halle. Seit wir das Zelt nutzen, hat sie keine Panikattacken mehr.

Außerdem ist es in der Metro kalt, und ich bin es leid, mich nach jeder Nacht im Durchzug wieder zu erholen. Im Zelt kann ich zumindest ein wenig schlafen, um am nächsten Tag genug Kraft zum Arbeiten zu haben.

Wenn man den Kontext ausblendet, erinnert es fast an Camping. Ich glaube, so passt sich die Psyche an den Stress an.

In dieser Nacht schauten viele den Kampf von Boxweltmeister Oleksandr Usyk, deshalb blieb die Stimmung irgendwie positiv und die Nacht verging schnell. Aber seitdem habe ich Schlafprobleme. Denn in Wirklichkeit war es ein enormer Stress.

 

Verfasst von

Kseniia Levadna

Referentin Öffentlichkeitsarbeit

Mit 8 Jahren Erfahrung in der Arbeit mit ukrainischen NGOs im Bereich Menschenrechte, Urbanistik sowie in Bildungs-, Kultur-, Sozial- und Kunstprojekten bringt sie umfassende Expertise in Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit mit.

kseniia.levadna@libereco.org