Was Besatzung für Ukrainer*innen wirklich bedeutet
Wenn Politiker in Friedensverhandlungen über besetzte Gebiete sprechen, tun sie so, als wären das leere Flächen. Aber dort leben Millionen Ukrainer*innen und Ukrainer. Diese Menschen stecken in einer Grauzone fest, ohne irgendein Mittel, ihre Rechte, ihre Freiheit, ihr Eigentum, ihr Leben, ihre Kinder oder ihre Angehörigen zu schützen.

Oleksandra Matviichuk
Ukrainische Menschenrechtsanwältin und Leiterin des Center for Civil Liberties

Es ist der vierte Winter seit Beginn der russischen Vollinvasion – und er ist sehr schwer. Die Menschen in der Ukraine leben zwischen zwei parallelen Realitäten, die nicht zusammenpassen. Einerseits gibt es internationale Treffen in Miami, Abu Dhabi, Genf oder Washington, bei denen man uns überzeugen will, wir seien auf dem Weg zum Frieden. Andererseits zeigt die Realität in Kyjiw und anderen ukrainischen Städten etwas ganz anderes: Russland zerstört gezielt die Energieinfrastruktur, also genau die Infrastruktur, von der das Überleben der Zivilbevölkerung abhängt. Millionen Menschen frieren buchstäblich in ihren Wohnungen – ohne Heizung, Wasser und Strom. Die zentrale Frage lautet: Wie konnte Trumps „Jahr der Verhandlungen“ zum tödlichsten Jahr für Zivilpersonen in der Ukraine seit Beginn der Vollinvasion werden?
Das ist ein klares Zeichen, dass wir uns in die falsche Richtung bewegen. Und ich möchte erklären, warum.
Wir haben die menschliche Dimension verloren – und das ist sehr deutlich zu sehen..
Wenn Politiker*innen in Friedensverhandlungen über besetzte Gebiete sprechen, tun sie so, als wären das leere Flächen. Aber dort leben Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer. Diese Menschen stecken in einer Grauzone fest, ohne irgendein Mittel, ihre Rechte, ihre Freiheit, ihr Eigentum, ihr Leben, ihre Kinder oder ihre Angehörigen schützen zu können..
Russische Besatzung bedeutet nicht einfach, dass eine Staatsflagge gegen eine andere ausgetauscht wird. Russische Besatzung heißt: Verschleppungen, Folter, Vergewaltigungen, Auslöschung der Identität, Zwangsadoption von Kindern, Filtrationslager und Massengräber. Das ist russische Besatzung.
Wir dokumentieren Kriegsverbrechen, seit Russland diesen Krieg gegen die Ukraine begonnen hat.
Und dieser Krieg begann nicht im Februar 2022, sondern im Februar 2014. Regionen wie die Krim oder Teile der Ostukraine sind seit zwölf Jahren besetzt, und überall sehen wir dasselbe Drehbuch der Kriegsverbrechen:
- Totale Militarisierung – Russland verwandelt diese Gebiete in militärische Stützpunkte für künftige Offensiven.
- Totale Attacke auf Rechte und Freiheiten durch Terror – ein Krieg gegen Zivilpersonen, um Kontrolle zu sichern.
- Erzwungener Bevölkerungsaustausch durch Kolonisierung – massenhafte Ansiedlung russischer Staatsbürger.
2014 dauerte dieser Prozess Jahre, heute nur noch Monate. Russland hat aus seinen Verbrechen gelernt und setzt dieses Drehbuch wesentlich schneller um.
Für Ukrainerinnen und Ukrainer ist klar: Dieser Krieg hat einen genozidalen Charakter. Putin sagt offen, dass es kein ukrainisches Volk, keine ukrainische Sprache, keine ukrainische Kultur gebe. Seit zwölf Jahren dokumentieren wir, wie sich diese Worte in den besetzten Gebieten in brutale Praxis verwandeln: physische Vernichtung aktiver Menschen vor Ort (Bürgermeister, Journalist*innen, KinderbuchautorInnen, Musiker*innen, Lehrkräfte, Priester, Umweltschützer); Verbot der ukrainischen Sprache und Kultur; Zerstörung und Plünderung kulturellen Erbes; Zwangsrekrutierung ukrainischer Männer in die russische Armee; Verschleppung ukrainischer Kinder nach Russland, Unterbringung in Umerziehungslagern, in denen man ihnen sagt: „Du bist kein Ukrainer, du bist Russe. Deine Eltern haben dich verlassen, russische Familien werden dich adoptieren und als Russen erziehen.“
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Die Menschen in der Ukraine sehnen sich nach Frieden. Aber Frieden entsteht nicht dadurch, dass das angegriffene Land aufhört, sich zu verteidigen. Wenn die Ukrainerinnen und Ukrainer aufhören würden, Widerstand zu leisten und Russland das ganze Land besetzen könnte, würden wir als Nation aufhören zu existieren. Es ist tragisch, dass Politiker in diesen Friedensgesprächen die menschliche Dimension verloren haben. Friedensverhandlungen müssen akute humanitäre Fragen lösen.
Einige zentrale Punkte:
Kinder in besetzten Gebieten: 1,6 Millionen ukrainische Kinder sind dort von Identitätsauslöschung bedroht. Ukrainisch ist verboten. Sie lernen nach russischen Schulbüchern, in denen die Ukraine als Staat nicht existiert. Die Militarisierung beginnt schon im Kindergarten: Eltern werden gezwungen, ihre Kinder in Lager zu schicken, in denen sie in Baracken leben, Uniformen tragen und den Umgang mit Waffen lernen. Russland formt aus diesen 1,6 Millionen Kindern buchstäblich eine neue Generation von Putins Soldaten.
Das ist nicht nur ein Menschenrechtsproblem, sondern auch eine Sicherheitsfrage: Mit 14 bekommen diese Kinder russische Pässe, mit 18 werden sie zwangsweise in die russische Armee eingezogen. Das heißt: Diese Kinder mit gebrochener Identität, vollständig militarisiert, werden überall dort kämpfen und sterben, wo Russland sie hinschickt.
Illegale Inhaftierungen von Zivilpersonen: Russland darf nach internationalem Recht keine, Zivilistinnen und Zivilisten festnehmen, und doch werden Zehntausende aus den besetzten Gebieten illegal festgehalten und täglich schwer gefoltert und sexuell misshandelt.
Ich habe hunderte Überlebende russischer Gefangenschaft interviewt. Sie berichten, dass sie geschlagen, vergewaltigt, in Holzkisten gesperrt wurden, dass man ihnen Finger abgeschnitten, Nägel ausgerissen oder in sie hineingebohrt hat, sie mit Strom durch die Genitalien gefoltert hat. Eine Frau erzählte, man habe ihr ein Auge mit einem Löffel ausgestochen. Diese Menschen sterben buchstäblich in russischen Gefängnissen.
Ukrainische Zivilpersonen, die illegal festgehalten werden, müssen freigelassen werden. Ich bin allen Menschen in Deutschland und anderen Ländern sehr dankbar, die sich der weltweiten Aktion „People are key!“ des Center for Civil Liberties angeschlossen haben. Ziel dieser Aktion ist es, Politiker daran zu erinnern, dass sie die menschliche Dimension in den politischen Prozess zurückbringen müssen – Und auf der Freilassung aller illegal inhaftierten Zivilisten, Kriegsgefangenen und politischen Gefangenen sowie der Rückführung aller gewaltsam deportierten Kinder zu bestehen.
Eine Freundin von mir, eine ukrainische Journalistin aus einer besetzten Stadt, erzählte mir folgende Geschichte. In ihrer Schule – wie in allen Schulen unter Besatzung – beginnen ukrainische Kinder den Tag mit der russischen Nationalhymne. Ein Kind sang nicht mit. Die Lehrerin fragte warum. Das Kind antwortete: „Ich kenne den Text nicht.“ Die Lehrerin sagte: „Geh nach Hause und lern ihn auswendig.“ Am nächsten Tag stellte sie das Kind vor die Klasse und ließ es die russische Hymne vorsingen.
Aber das Kind sang stattdessen die ukrainische Nationalhymne.
Diese Geschichte ist für mich so wichtig, weil sie zeigt: Selbst wenn sie allein den Besatzern gegenüberstehen, finden ukrainische Kinder Mut und Kraft zum Widerstand. Wir, als Erwachsene haben kein moralisches Recht zu sagen, wir könnten nichts tun. Wir müssen sie retten. Wir brauchen Deutschlands starke Stimme, um die menschliche Dimension wiederherzustellen.

