Was bedeutet ein Paket für einen politischen Gefangenen in Belarus heute?
Für einen Menschen, dem die Freiheit entzogen wurde, ist ein Paket weit mehr als nur eine Sammlung von Lebensmitteln und Gegenständen. Unsere Partnerorganisationen haben mit ehemaligen politischen Gefangenen gesprochen und sie gefragt, was Pakete für sie bedeuteten.

Aija S.
Referentin Advocacy

Ein Paar Socken. Ein Schal. Etwas Speck, ein wenig Kaffee, ein Stück Seife. Für uns Alltägliches – für einen politischen Gefangenen in Belarus ein Lebenszeichen aus der freien Welt. Unsere Partnerorganisationen haben ehemalige politische Gefangene gefragt, was ein Paket für sie bedeutet hat. Ihre Antworten sprechen für sich:
„Es war ein Hoffnungsschimmer und das Wissen, dass ich unterstützt und nicht vergessen werde. Es war eine Verbindung zur Welt, zu einem freien Belarus.“
„Es war ein Fest.“
„Ich fühlte mich bestärkt – dass mein Widerstand gegen die Willkür nicht umsonst war. Das bedeutet sehr viel für einen Menschen im Gefängnis.“
Besonders eindrücklich schildert ein ehemaliger Gefangener, warum jedes einzelne Paket auf mehreren Ebenen zählt:
„Erstens ist ein Paket ein Zeichen dafür, dass meine Angehörigen in Freiheit sind. Zweitens, dass meine Familie die Mittel hat, mich zu unterstützen. Drittens ist es eine Möglichkeit, Vitamine zu bekommen, die man aus dem Gefängnisessen nicht erhält. Viertens ist es eine Möglichkeit, andere politische Gefangene zu unterstützen, die nichts bekommen. Der Entzug von Paketen ist eine härtere Strafe als die Unterbringung in einer Strafzelle.“
Ein Paket ist also weit mehr als sein Inhalt: Es ist Beweis, Nahrung, Solidarität – und sein Ausbleiben eine Form der Bestrafung, die härter wiegt als die Isolationszelle. Auf die Frage, welche Dinge am wichtigsten waren, zeichnen die Antworten das Bild grundlegender Bedürfnisse, die das belarusische Gefängnissystem seinen Insassen verwehrt:
„Winterkleidung. Socken, Stiefel, eine Jacke, Handschuhe, Thermounterwäsche. Und am wichtigsten – ein SCHAL.“
„Binden, Kosmetikartikel, Medikamente, warme Kleidung.“
„Thermounterwäsche, Tee, Kaffee, Zigaretten, Speck, Trockenfrüchte, Kosmetik, ein Elektrorasierer, Hygieneartikel, Medikamente.“
Wie sehr ein Paket darüber hinaus eine Kette der Solidarität in Gang setzen kann, zeigt die Geschichte eines ehemaligen Gefangenen:
„Alles war wertvoll, aber wenn ich etwas wählen müsste, dann saubere Unterwäsche. Das letzte Paket bekam ich ein paar Tage vor meiner Entlassung, deshalb habe ich neue Unterwäsche und Socken mit anderen geteilt. Als ich rauskam, stellte sich heraus, dass meine Familie das extra so gepackt hatte, weil sie davon ausging, dass ich teilen würde.“
Wie viel kostet ein Paket an politische Gefangene?
Ein Paket zusammenzustellen ist nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch mit erheblichen finanziellen Kosten verbunden. Laut den Befragten liegen die Kosten für ein Paket zwischen 200 und 1.300 Euro. Pakete bis zu 50 kg können in Strafkolonien nur alle paar Monate geschickt werden, und Familien können diese Belastung oft nicht allein tragen.
• Kosten eines Pakets: 200–1.300 €
• Paketgewicht in Untersuchungshaft (SIZO): bis zu 30 kg pro Monat
• Paketgewicht: bis zu 50 kg
• Reguläre Pakete in Strafkolonien: 3–4 Mal pro Jahr, bis zu 50 kg
• Quarantänepaket: bis zu 10 kg alle 30 Tage
Fotos aus dem LIBERECO-Archiv

Neben finanziellen Schwierigkeiten sind politische Gefangene oft mit Willkür durch die Gefängnisverwaltung konfrontiert. Pakete werden nicht ausgehändigt, einzelne Gegenstände werden konfisziert oder das Recht auf Pakete wird als Strafmaßnahme entzogen.
„Sie haben die Sachen nicht herausgegeben und stattdessen einfach ins Lager gestellt.“
„Im Frauengefängnis wurden Schuhe nicht herausgegeben, wenn sie sich in Farbe oder Form von denen der anderen Insassinnen unterschieden.“
„In meinem Fall hat ein Wärter die Wurst einfach gestohlen.“
Wie aus Deutschland Schokolade an den ehemaligen politischen Gefangenen Valiantsin Stefanovic geschickt wurde – und warum er sie in der Strafkolonie nie erhielt
„Ich erinnere mich noch an ein Paket mit Schokolade, das ich bekam, als ich schon in der Strafkolonie war. Es war von einer deutschen Frau namens Susanna. Ich stand mehrere Stunden an der Ausgabe und verpasste sogar das Mittagessen. Dann brachten sie mir das Paket und fragten: Was ist drin? Ich sagte: ‚Dem Aufdruck nach ist es Schokolade‘.
‚Von wem? Kennen Sie diese Person?‘ Ich sagte: ‚Nein.‘
‚Dann geben wir es Ihnen nicht‘ – denn nur enge Angehörige durften Pakete schicken.
So habe ich dieses Paket nie erhalten, aber es war dennoch berührend, dass sich irgendeine Susanna aus Deutschland an mich erinnert hat – an so einen „unglücklichen Gefangenen“.“
Was kannst du tun? Wie kannst du helfen?
• Finanziell unterstützen. Familien politischer Gefangener können die Kosten oft nicht tragen. Selbst eine kleine Spende wird Teil eines Pakets.
• Ein Paket zusammenstellen. Es gibt einen Online-Paketkonfigurator, um zu erfahren, was geschickt werden kann und wie viel es kostet.
• Informationen verbreiten. Teile diesen Text mit Menschen, die helfen können. Je mehr Menschen davon wissen, desto mehr Unterstützung erhalten die Menschen hinter Gittern.
• Über weitere Möglichkeiten, politische Gefangene zu unterstützen, kannst du hier mehr erfahren.
