Lesevergnügen aus belarusischer Feder
Woran denkst du, wenn du „Belarus“ hörst? An Kartoffeln, Repressionen und Diktatur? Wenn ja, ist das kaum verwunderlich, denn wenn es Nachrichten aus dem Land heraus schaffen, dann sind sie meistens schlecht. Was aber, wenn ich dir sage, dass es noch viel mehr über das Land und seine Menschen zu erfahren gibt?

Thomas Brennecke
LIBERECO Volunteer

Zum Beispiel sprachliche Besonderheiten wie das Wort „Bulbasratsch“ (бульбасрач), das eine hitzige Debatte im Internet zwischen Belarusen bezeichnet. Oder dass die Menschen auf den Protesten 2020 ihre Schuhe ausgezogen haben, bevor sie auf Sitzbänke gestiegen sind. Oder dass das Team um Swjatlana Zichanouskaja, Weranika Zepkala und Maria Kalesnikawa während des Wahlkampfs ein einfaches Handzeichen in Form eines Herzens als Slogan verwendet hat. Woher ich das weiß? Ganz einfach: Aus Büchern (und von Freunden, die mir diese Bücher empfohlen haben). Und diese Bücher gibt es nicht nur auf Russisch oder Belarusisch. Viele große Werke der Literatur des Landes wurden bereits in andere Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche. Ich denke da an die Werke von Wassil Bykau, Ales Bjaljazki und Viktor Martinowitsch. Letzterer hat beispielsweise den Roman „Mova“ (Мова) verfasst.
“Mova” von Viktor Martinowitsch
Und genau dieses Werk würde ich dir empfehlen, um mehr über die belarusische Mentalität zu erfahren. Warum? Weil die Charaktere des Romans die Vielseitigkeit des Lebens in und außerhalb Belarus’ meiner Meinung nach hervorragend widerspiegeln. Da gibt es zum Beispiel Sergej, der im Minsk einer nicht allzu entfernten Zukunft, in der sich Russland und China zu einem Unionsstaat zusammengeschlossen und unter anderem Belarus in ihr Territorium eingegliedert haben, illegal mit Inhalten in belarusischer und in anderen Sprachen „dealt“. Er hat sich an diese Wirklichkeit angepasst und hinterfragt nichts, verdient sich nur etwas dazu und fragt nicht, was seine Ware mit den Konsumenten macht oder warum sie sich so sehr dafür interessieren, denn Wissen kann in dem Polizeistaat, in dem er lebt, äußerst gefährlich sein. Dann gibt es den Konsumenten, dessen Namen wir nie erfahren. Er liest Inhalte in anderen Sprachen, auch wenn er sie nicht versteht, um der intellektuell verhärmten Wirklichkeit im russisch-chinesischen Unionsstaat zu entkommen, einer Wirklichkeit, die er verachtet, der er sich aber mehr oder weniger fügt bzw. fügen muss.
Dann haben wir die Figur der Alaisa, auch „Tante“ genannt. Sie nimmt Sergej unter ihre Fittiche und öffnet gerade ihm, dem gerne Unwissenden, die Augen dafür, was er da eigentlich wirklich an seine Kunden verkauft. Sie hat sich den Mut gefasst und eine Widerstandsbewegung – oder aus Sicht des Polizeistaats: einen kriminellen Schmugglerring – aufgebaut, um ihre Mitmenschen aus der Unwissenheit und Lethargie zu führen. Ihr Charakter vereint die Einfühlsamkeit und den Mut, den ich mit den Menschen aus Belarus verbinde, ebenso wie ihre Neugier und ihre Herzlichkeit. Was sie für ihre Mitmenschen im Polizeistaat Russland-China ist, sind für mich meine Freunde aus Belarus, die mir so offenherzig ihre Literatur näher gebracht und mit ihr einen Schlüssel zu ihrer Kultur in die Hand gegeben haben. Deshalb würde ich dieses Buch jedem empfehlen, der mehr über Belarus und seine Menschen erfahren möchte. Es mag in einer dystopischen Zukunft spielen, ist aber für die heutige Zeit mehr als relevant – denn letztendlich geht es um den Schutz der eigenen Heimat und die Wahrung der eigenen Sprache.
Und warum denke ich, dass sich das Buch gerade für Einsteiger in das Thema hervorragend eignet?
Weil der Leser, der noch nicht so viel über Belarus weiß, den beiden Hauptfiguren (Sergej und der Konsument) dabei sehr ähnlich ist. Da sie im Polizeistaat aufgewachsen sind, haben sie keine umfassende Bildung genossen und machen im Verlauf der Geschichte so manchen Fehler, den der Autor dem Leser aber in Form von Fußnoten erklärt, die Ansätze für weitere Nachforschungen bieten. Alleine deshalb schon bietet dieses Meisterwerk von Viktor Martinowitsch einen perfekten Einstieg in die Thematik rund im Belarus. Dazu ist die Geschichte spannend und abwechslungsreich und die Erzählweise erfrischend ansprechend. Und das meine ich wörtlich. Wer also eine immersive Geschichte mit interessanten Charakteren sucht, in die sich der Leser leicht hineinversetzen kann, und gleichzeitig mehr über Belarus und seine Menschen erfahren möchte, ist mit „Mova“ bestens beraten. Erschienen ist die deutsche Übersetzung des Buches im Verlag Voland & Quist.
Falls du jetzt Lust auf mehr Literatur aus Belarus bekommen hast, haben wir noch mehr Leseempfehlungen für dich:
- Alice Bota: „Die Frauen von Belarus: Von Revolution, Mut und dem langen Weg zur Freiheit“ (2022) Die-Zeit-Journalistin erzählt von drei Frauen aus Belarus, die zu Symbolen der Proteste wurden.
- „Wenn du durch die Hölle gehst, dann geh weiter“ (2023) Sammlung von Briefen belarusischer Frauen aus der politischen Gefangenschaft.
- Andrew Wilson: „Belarus: The Last European Dictatorship“ Aktualisierte Auflage über die Politikgeschichte ab 1991, einschließlich der Proteste von 2020.
- „Belarus! Das Land, das nach Freiheit schreit“ (bpb) Überblick über die sozioökonomische Lage im Land und seine Protestbewegung.
- Heinrich Kirschbaum: „Revolution der Geduld: Eine belarussische Bricolage“
Eine Analyse belarusischer Protestdynamiken:
- Vitali Alekseenok: „Die weißen Tage von Minsk“ Persönlicher Bericht des belarusischen Dirigenten über die Atmosphäre auf den Protesten im Jahr 2020 in Minsk.
- Viktoryia Andrukovič & Carsten Görig: „Aufgewachsen in der letzten Diktatur Europas“ Die belarusische Menschenrechtsverteidigerin erzählt von ihrem Leben unter einem autoritären Regime und vom Kampf für Demokratie.
- Ingo Petz: „Rasender Stillstand“ Eine Analyse der Ursprünge der Protestbewegung und des Überlebens des Regimes mit Putins Hilfe.
- Paul Hansbury: „Belarus in Crisis: From Domestic Unrest to the Russia-Ukraine War“ Eine Analyse der Proteste im Jahr 2020 und deren Bedeutung für den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
- Elena Korosteleva: „Contemporary Belarus: Between Democracy and Dictatorship“ Eine Studie des politischen Systems Belarus’ zwischen demokratischen Bestrebungen und Diktatur.
