Hoffnung ist stärker als die Gefangenschaft
Dieser Blogbeitrag widmet sich dem Projekt Shadows Behind Bars und zeigt, wie Menschen trotz der schrecklichen Bedingungen in ihrer Gefangenschaft während all der Jahre die Hoffnung nicht verloren haben.

Liubov Pravdina
Leiterin der NGO „New Ukrainian Narratives”

Als unser Team mit dem Projekt Shadows Behind Bars begann, wussten wir, dass ein schwieriger Weg vor uns lag. Das Projekt widmet sich ukrainischen Zivilist*innen, die von Russland rechtswidrig gefangen gehalten werden.
Dutzende Gespräche mit Familienangehörigen ziviler Gefangener und mit Menschen, die die russische Gefangenschaft überlebt haben, standen uns bevor. Wir wussten, dass wir Geschichten über Entführungen, Folter, Isolation, Ungewissheit und Verlust hören würden.
Wir rechneten mit sehr viel Schmerz.
Und tatsächlich war da sehr viel Schmerz.
Er lag in den Worten von Müttern, die seit Jahren nichts mehr von ihren Kindern gehört haben und sich jeden Tag die Frage stellen: Leben meine Kinder überhaupt noch?
Er lag in den Geschichten von Ehefrauen, die ihren Männern weiterhin Briefe schreiben und versuchen, sie auch aus der Ferne zu unterstützen. Sie schicken ihnen Fotos ihrer Kinder, die während der Jahre der Gefangenschaft erwachsen geworden sind.
Er lag in den verzweifelten Bemühungen von Kindern, die überall nach ihren älteren Eltern suchen – durch Briefe, in den sozialen Medien und mit internationalen Organisationen –, während sie sich an jede noch so kleine Möglichkeit klammern, auch nur den geringsten Hinweis zu finden.
Er lag in den Gesprächen mit ehemaligen Gefangenen, die nach Folter, Isolation und Jahren, die ihnen aus ihrem Leben genommen wurden, erst wieder lernen müssen zu leben.
Doch schon bald bemerkten wir noch etwas anderes.
Hoffnung.
Still, hartnäckig, ohne große Worte oder Illusionen – eine Hoffnung, die selbst dort weiterlebt, wo kaum noch Raum für sie zu sein scheint.
Hier sind drei Geschichten. Unterschiedlich und doch zugleich sehr ähnlich.
Danylo Yefimov
Danylo Yefimov träumte davon, an einer Universität in Kyjiw zu studieren. Um diesem Traum näherzukommen, unternahm er vieles aus eigener Initiative, unter anderem lernte er Ukrainisch, während er unter Besatzung lebte. Er wollte die besetzten Gebiete verlassen, seine Dokumente erneuern und ein Leben in einem freien Land beginnen.
Stattdessen wurde er von Russland zu zwölf Jahren Haft in einer Strafkolonie mit strengem Regime verurteilt, weil er mehrere Spenden zur Unterstützung der Ukraine geleistet hatte. Im Fall von Danylo ist klar, dass der Grund für seine Verfolgung nicht nur in seinen konkreten Handlungen lag, sondern auch in seiner Entscheidung, Ukrainer zu bleiben. Selbst in Gefangenschaft schreibt Danylo weiterhin Gedichte – auf Ukrainisch.
Oleksii Kovtun
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Oleksii Kovtun war 19 Jahre alt, als eine routinemäßige Dokumentenkontrolle im besetzten Butscha zu 1.492 Tagen russischer Gefangenschaft führte. Russische Soldaten nahmen ihn fest und hielten ihn in einer Grube im Wald fest. Währenddessen wurde ein Mann aus seiner Heimatstadt zu Tode geprügelt. All das geschah innerhalb weniger Tage.
Anschließend wurde Oleksii nach Russland gebracht, wo die Folter weiterging und er jahrelang ohne formelle Anklage festgehalten wurde. Im April 2026 konnte Oleksii schließlich im Rahmen eines weiteren Gefangenenaustauschs nach Hause zurückkehren.
Auf die Frage, was ihm geholfen habe, all diese Jahre durchzuhalten, sprach Oleksii von den Briefen seiner Mutter. Darin schrieb sie ihm, dass sie hoffe, ihm ihre Lebensfreude und ihren Optimismus mitgegeben zu haben. Auch der Sport half ihm: 400 Liegestütze, die er außer Sichtweite der Wachleute machte, halfen ihm, einen klaren Kopf zu behalten.
Yana Suvorova
Yana Suvorova half Menschen im besetzten Melitopol über einen Telegram-Kanal – sie suchte Ärzt*innen, organisierte Transportmöglichkeiten und humanitäre Hilfe und unterstützte, ganz einfach gesagt, Menschen dabei, miteinander in Verbindung zu bleiben.
Sie war eine gewöhnliche Studentin und kein Mitglied des Militärs. Dennoch beschuldigte Russland sie des Terrorismus und der Spionage und verurteilte sie zu 14 Jahren Haft.
Innerhalb weniger Monate hatte das russische Repressionssystem das strahlende Lächeln aus ihrem Gesicht verschwinden lassen, an das sich ihre Angehörigen so gut erinnerten.
Heute besteht Yanas einzige Verbindung zur Außenwelt aus Briefen, die sie auf Russisch schreibt und über den Gefängnisdienst Zonatelecom verschickt. In einem davon teilte sie einen einfachen Wunsch:
„Wenn ich doch einfach nur Ptuschkins Sendung schauen könnte …“
(eine bekannte ukrainische Reisesendung)
Heute befinden sich Tausende ukrainische Zivilist*innen ohne klaren rechtlichen Status und ohne wirksamen Mechanismus für ihre Freilassung in russischer Gefangenschaft.
Ihre Geschichten dürfen nicht unsichtbar bleiben.
Solange die Welt sich an sie erinnert, besteht Hoffnung, sie nach Hause zu bringen.
Leider erlauben Raum und Zeit es uns hier nur, drei von Tausenden Geschichten zu erzählen.
Während unserer Arbeit an diesem Projekt haben wir noch viele weitere solcher Zeugnisse gehört – Geschichten von Menschen, deren Leben durch die russische Gefangenschaft zerstört wurde, deren Hoffnung jedoch nicht gebrochen werden konnte.
Wir sammeln und erzählen diese Geschichten weiterhin auf der Website des Projekts Shadows Behind Bars, damit die zivilen Gefangenen und ihre Familien für die Welt nicht unsichtbar bleiben.
