Libereco Logo
Libereco Logo
Jetzt spenden
Blog

Evakuierung als Chance: Die Zuversicht zurückgewinnen, dass alles gut wird

Wie laufen medizinische Evakuierungen ab? Welche Ängste haben Menschen, und warum zögern viele die Entscheidung zur Flucht hinaus? Eine Sanitäterin erklärt, wie Unterstützung und Fürsorge den Glauben an die Zukunft wiederherstellen können.

Tetiana Fiial

Tetiana Fiial

Sanitäterin der Stiftung „Angels of Salvation“

Evakuierung als Chance: Die Zuversicht zurückgewinnen, dass alles gut wird

Meine Name ist Tetiana Fiial. Ich bin Sanitäterin der wohltätigen Stiftung „Angels of Salvation“. Nach der Vollinvasion habe ich meine Heimat in der Ukraine zunächst verlassen, bin dann aber wieder zurückgekehrt, um anderen in den schwierigsten Momenten ihres Lebens helfen zu können. Mittlerweile begleite ich täglich Evakuierungen von Menschen mit eingeschränkter Mobilität, die nahe an der Front leben. In diesem Blogbeitrag teile ich meine Erfahrungen.

Ich wurde in Velyka Snytivka in der Region Kyjiw geboren. Im Jahr 2010 zog ich mit meinem Sohn ins nahegelegene Dorf Volodarka. Dort lebten wir bis 2022. Als die Vollinvasion begann, entschlossen wir uns für eine Evakuierung – meine Schwester bestand darauf. Zuerst fuhren wir in die Ternopil-Region im Westen des Landes. Dort brachten uns lokale Behörden in eine behagliche Unterkunft. Später entschieden wir uns für Polen. Dort bekamen wir Hilfe von Freiwilligen, um eine Wohnung zu finden.

Ich bin denselben Weg gegangen wie die Menschen, die wir heute evakuieren. Die ganze Zeit über erhielten wir Unterstützung. Vor dem Krieg habe ich 10 Jahre als Sanitäterin im Rettungsdienst gearbeitet. Ich war es daher nicht gewohnt, Hilfe zu bekommen – früher war ich diejenige, die Hilfe geleistet hat.

2023 kehrten wir in die Ukraine zurück und ich erkannte, was für einen Beitrag ich als freiwillige Sanitäterin leisten könnte. Deswegen bin ich vor einem Jahr der Stiftung „Angels of Salvation“ beigetreten. Dort begleite ich Menschen mit eingeschränkter Mobilität bei Evakuierungen aus Ortschaften nahe der Front in den Regionen Dnipro und Donezk.

Die Evakuierungen sind für die dort Ansässigen kostenlos durch die Kooperation mit LIBERECO.

Betroffene rufen die Hotline unserer Stiftung an und stellen einen kurzen Antrag. Danach kontaktiert sie unser Team, um alle weiteren nötigen Infos einzuholen und die Evakuierung zu koordinieren.

Unsere Rettungsfahrzeuge sind genau auf die Bedürfnisse von mobilitätseingeschränkten Menschen ausgelegt. Vor jeder Mission klären wir die medizinischen Details. Auch, wenn Hilfe beim Herabkommen aus höheren Stockwerken oder zum Fahrzeug gebraucht wird, finden wir immer eine Lösung.

Im Krankenwagen gibt es eine Liege mit bequemen Positionen – sitzend oder liegend. Ein Hebesystem lädt alle sicher ein. Ein zusätzlicher Sicherheitsgurt stabilisiert bei schwierigen Straßenabschnitten oder Notbremsungen.

Galerie

0 / 0

Während der Evakuierung betreue ich ganzheitlich und vollumfänglich. Ich helfe beim Verlassen des Hauses, beim Einsteigen, trage Gepäck und überwache den körperlichen Zustand. Bei Diabetes messe ich Blutzucker, bei Übelkeit haben wir Medikamente bereitliegen und halten zwischendurch für frische Luft an.

Ich achte auch auf emotionales Wohlbefinden.

Wichtig ist, dass Menschen sich sicher fühlen und keine Angst haben, ihre Bedürfnisse zu äußern. Ich höre zu, lasse mir ihre Sorgen mitteilen, beruhige und helfe, Hoffnung zu bewahren – dass das hier kein Ende ist, sondern bloß eine Etappe, die wir gemeinsam meistern.

Das Ziel der Evakuierung ist immer unterschiedlich. Mal bringen wir Menschen zu Verwandten oder in barrierefreie Unterkünfte. Manchmal übergeben wir sie an zusätzliche Rettungsdienste zur Weiterfahrt.

Jede*r hat eine einzigartige Geschichte. Besonders ist mir diese hier im Gedächtnis geblieben: Im Frühjahr 2025 rief ein Mann aus Konstantinivka in der Region Donezk an. Die Stadt liegt nahe an der Front, und die Sicherheitslage verschlechterte sich damals rapide. Er hatte schon lange nach einer Möglichkeit gesucht, die Region zu verlassen. Als wir ihn abgeholt haben, war er sehr erleichtert – wir konnten ihm eine Fahrt anbieten, auf der er angemessen und bequem untergebracht war und Betreuung bekam. Sein Zustand verbesserte sich mit jedem Kilometer, und mit wachsender Sicherheit verschwand auch seine Angst. Er erkannte: Alles wird gut.

Viele Menschen mit eingeschränkter Mobilität zögern, sich evakuieren zu lassen, weil sie über ihre Zukunft verunsichert sind. Deshalb haben wir eine Aufklärungs-Kampagne in den Gemeinden in Dnipro in Frontnähe gestartet. Wichtig ist, dass wir zeitnah unterstützen und ihnen zeigen können, dass sie nicht allein sind.

Mir ist es eine große Ehre, als Sanitäterin zu arbeiten.

Ich bin dankbar, dass ich Menschen helfen und damit Hoffnung auf eine bessere Zukunft spenden kann. Damit sie weiterleben können und die Zuversicht zurückgewinnen, dass alles gut wird.

Verfasst von

Tetiana Fiial

Sanitäterin der Stiftung „Angels of Salvation“