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Eines der härtesten Urteile, das je gegen eine zivilistische ukrainische Familie verhängt wurde

Als Freund*innen monatelang nichts mehr von Artem Murdid gehört hatten, begannen sie nach Antworten zu suchen. Schließlich erfuhren sie, dass er und seine Familie gewaltsam festgenommen und zu einigen der längsten Haftstrafen verurteilt worden waren, die je gegen ukrainische Zivilist*innen verhängt wurden.

Liubov Pravdina

Liubov Pravdina

Leiterin der NGO „New Ukrainian Narratives”

Eines der härtesten Urteile, das je gegen eine zivilistische ukrainische Familie verhängt wurde

Im Juni 2025 fällte das Südliche Bezirks-Militärgericht der Russischen Föderation eines der härtesten Urteile, das jemals gegen eine ukrainische Familie von Zivilist*innen verhängt wurde. 

Artem Murdid wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.
Seine Mutter, Hanna Murdid, wurde zu 22 Jahren Haft verurteilt.
Seine Lebensgefährtin, Hanna Voshkoder, wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Vor dem russischen Angriffskrieg lebte die Familie ein ruhiges, gewöhnliches Leben in Melitopol, das bereits in den ersten Tagen der russischen Vollinvasion Ende Februar 2022 von russischen Truppen besetzt wurde und sich seitdem unter russischer Besatzung befindet. 

Artem arbeitete bei einer Bank als Sicherheitsmitarbeiter im Geldtransport, hatte in der Armee gedient und interessierte sich für Autos und Computerspiele. Er las Fantasybücher, beschäftigte sich mit Psychologie und trainierte Kickboxen.

Freund*innen erinnern sich an Artem als einen verantwortungsbewussten und geselligen Menschen, schlagfertig und mit einem großartigen Sinn für Humor. Er vertrat eine klare pro-ukrainische Haltung und unterstützte weder die russische Besatzung noch die Plünderungen.

Im Frühjahr 2023 verschwand Artem.

Am nächsten Tag nahmen russische Sicherheitskräfte seine Mutter und seine Lebensgefährtin fest.

Lange Zeit wussten Freund*innen und Bekannte nicht, was mit der Familie geschehen war. Sie suchten nach Informationen, hatten jedoch untereinander keine Kontaktdaten. Nach und nach begann ein großes Netzwerk aus Freund:innen, Angehörigen, Bekannten und Menschenrechtsverteidiger:innen, Hinweise zu sammeln.

Auch Artems Kindheitsfreundin Kateryna beteiligte sich an der Suche. Dank dieser gemeinsamen Bemühungen konnten Freund:innen und Angehörige schließlich rekonstruieren, was mit der Familie Murdid geschehen war.

Photo from the trial, provided by New Ukrainian Narratives

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Schließlich erfuhren sie, dass Russland Artem, seine Mutter und seine Lebensgefährtin beschuldigte, eine „terroristische Zelle“ gegründet zu haben, die angeblich im Interesse der Ukraine tätig gewesen sei.

Alle drei erklärten vor Gericht, dass sie nach ihrer Festnahme gefoltert und zu Geständnissen gezwungen worden seien.

Während ihrer Haft wurde Hanna Murdid schwer misshandelt. Eine bereits zuvor erlittene Armverletzung verschlimmerte sich. Zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlungen trug sie bereits einen Verband am Arm.

Hanna Voshkoder wurde damit gedroht, dass man ihr ihre Tochter Diana wegnehmen, sie in einer anderen Familie unterbringen und ihr einen anderen Nachnamen geben würde.

Nach dem Urteil konnte Artem nur einen einzigen Brief schicken. Er schrieb nicht viel über sich selbst. Er bedankte sich für die Suche und die Unterstützung und sagte, dass ihm die Briefe geholfen hätten, durchzuhalten. Er fragte, wohin „seine Mädchen“ verlegt worden seien. Er wusste nicht einmal, wohin sie nach dem Urteil gebracht worden waren.

Drei Jahre sind vergangen, seit Artem Murdid, seine Mutter und seine Lebensgefährtin festgenommen wurden. Seit mehr als zwei Jahren konnte Artem nicht mehr an die frische Luft. Hanna Murdid hat die Beweglichkeit ihres Arms fast vollständig verloren, und ihre chronischen Erkrankungen haben sich verschlimmert. Hanna Voshkoder hat ihre Tochter seit mehr als drei Jahren nicht gesehen. Die kleine Diana wächst ohne ihre Mutter auf.

Die Geschichte der Familie Murdid ist eine der Geschichten ukrainischer ziviler Gefangener, die wir im Rahmen des Projekts Shadows Behind Bars in die Öffentlichkeit bringen.

Weitere Geschichten über ukrainische Zivilist*innen in russischer Gefangenschaft findet ihr auf der Website des Projekts: Shadows Behind Bars.

Verfasst von

Liubov Pravdina

Leiterin der NGO „New Ukrainian Narratives”