Ein normaler Arbeitstag – but make it Ukrainian
Was bedeutet Alltag in der Ukraine, wenn Treffen mit Freunden, Cafebesuche und Arbeitstage neben Luftalarm, Explosionen und Nächten im Flur stattfinden? In Dnipro beginnt ein scheinbar normaler Sonntag im Café und endet mit Shahed-Drohnen, ballistischen Raketen und brennenden Wohnhäusern. Am nächsten Morgen geht der Alltag weiter, während die Schäden beseitigt und die Zahlen des Angriffs bekannt werden.

Ira Ganzhorn
Referentin Humanitäre Hilfe

Eine oft gestellte Frage in Interviews oder bei Veranstaltungen ist der Alltag. Wie sieht der Alltag aus, gibt es überhaupt einen, was ist möglich, was nicht? Gibt es noch so etwas wie Normalität?
Die Antwort darauf fällt mir seit Beginn der vollumfänglichen Invasion sehr schwer. Dauerhafte Luftangriffe, Verlust und Trauer gehören zu meiner ukrainischen Normalität.
Stunden im Keller oder im Flur zu verbringen, gehört zu meiner Normalität.
Genauso gehören Abende mit Freunden, Spaziergänge im Park und Kinobesuche zu meiner Realität.
Mein letzter Arbeitstag in Dnipro ist ein Montag, am Nachmittag fährt der Intercity nach Kyjiw, dort übernachten. Am nächsten Morgen in den Nachtzug nach Ungarn, von Ungarn nach München, von München nach Berlin. Diese Reiseroute zeigt bereits, wie weit entfernt der ukrainische Alltag von einem in Deutschland ist.
Am Sonntag treffe ich eine Kollegin, die zu einer Freundin wurde. Das Wetter ist herrlich, das Café serviert hervorragendes Essen, ein – ganz normaler – Sonntag. Nach einem ausgedehnten Regenschauer machen wir noch Witze darüber, dass sich der sehr bewölkte Himmel ausgezeichnet für einen Großangriff eignet. Am letzten Abend steht nur noch das Rucksackpacken auf dem Programm, meine persönliche Notfallapotheke lasse ich vorerst noch neben der Haustür liegen – du weißt ja nie.
Eigentlich würde ich gerne früh ins Bett, ausschlafen, bevor ich die nächsten 35 Stunden in Zügen verbringe. Der Abend beginnt mit einem Luftalarm, zig Shahed-Drohnen sind im Luftraum unterwegs.
Ich versuche dennoch zur Ruhe zu kommen und hoffe darauf, dass der Angriff nicht lange anhält.
Drei Wände zwischen uns und den Explosionen
Die ersten Drohnen und somit die ersten Explosionen erreichen die Stadt.
Als das Dach eines Hochhauses in Sichtweite zu brennen beginnt, sinkt meine Hoffnung auf einen ruhigen Abend auf null. Alle Nachbarn versammeln sich im Gemeinschaftsflur, dort sollen uns drei Wände vor den Explosionen schützen. Die Meldungen über immer mehr Shahed-Drohnen machen die Runde. Das Haus mit dem brennenden Dach wurde ein weiteres Mal von einer Drohne getroffen.
Inzwischen ist es weit nach ein Uhr nachts, die Kinder schlafen auf dem Flur, wir Erwachsene dösen an der Wand angelehnt. Für Dnipro gibt es eine kurzzeitige Entwarnung – zwar sind noch Drohnen unterwegs, aber weit entfernt von der Stadt.
Ich kehre in meine Wohnung zurück, knapp sechs Stunden Schlaf könnten es ab jetzt noch sein.
Das brennende Dach will mir nicht aus dem Kopf, vor einigen Monaten habe ich selbst in dem Haus bei Freunden gewohnt. Die ersten Videos und Informationen zu den Angriffen werden geteilt, in der Stadt sind mehrere Brände ausgebrochen, erste Rettungskräfte sind vor Ort. Ich vergleiche diese Informationen mit den Wohnorten meiner Freunde, versende und beantworte die obligatorischen „Lebst du noch“ Nachrichten.
Nur wenige Minuten nach der Entwarnung kommt der Luftalarm für ballistische Raketen.
Drei bis sieben Minuten benötigen die Raketen bis zur Stadt. Ausreichend Zeit, um noch einmal kurz die Augen zu schließen und durchzuatmen und in meinem Fall mit den Augen zu rollen. russland lässt heute wirklich nichts aus.
Die erste ballistische Rakete schlägt in Hörweite ein, wie so oft zittert von der Wucht der Explosion das ganze Haus. Direkt nach der ersten Explosion erfolgen noch drei weitere. Unsere spontan gegründete Flurgemeinschaft wird nervös.
Normalerweise erfolgt nur eine Explosion. Eine Rakete, ein Sprengkopf, eine Explosion.
Die Fotos stammen von öffentlich zugänglichen Seiten und Kanälen regionaler Medien aus Dnipro.








Was wir gerade gehört haben, entspricht nicht der uns bekannten Logik. Unsere bewährten Telegram-Kanäle liefern noch keine Informationen zu den verwendeten Raketen oder Sprengköpfen. Dafür melden sie weitere Raketen, die auf die Stadt zukommen.
Auch die nächsten Explosionen verlaufen nach diesem Muster. Nach der ersten Explosion folgen drei weitere im Sekundentakt. “Könnte das Streumunition sein?”, fragt eine der Nachbarinnen.
Ein Ehepaar kommt aus einer der Wohnungen. Sie haben eine phänomenale Aussicht auf den Fluss Dnipro und das linke Ufer der Stadt. Diese Aussicht verwandelt sich regelmäßig in einen Beobachtungsposten für ankommende Drohnen, Raketen und die ukrainische Flugabwehr. Sie schütteln die Köpfe. „Da draußen ist die Hölle los“, sagen sie.
Der Angriff dauert bis 4 Uhr morgens. Danach sind nur noch vereinzelte Drohnen im Luftraum unterwegs. Eine Gefahr, die ich für knappe vier Stunden Schlaf einzugehen bereit bin.
Der nächste Morgen
Am nächsten Morgen erwacht die Stadt zum Leben, die Schäden der Angriffe werden beseitigt, der öffentliche Nahverkehr kommuniziert den aktualisierten Fahrplan, die ukrainische Bahn veröffentlicht die Verspätungen der abfahrenden Züge.
Auf dem Weg ins Büro lese ich die Zahlen zum Angriff:
524 Drohnen.
22 ballistische Raketen.
503 Drohnen abgefangen.
4 Raketen abgefangen.
40 getroffene mehrstöckige Wohngebäude, zwei Kindergärten, eine Schule, ein Universitätsgebäude, eine Tram.
2.000 zerstörte Fenster.
56 verletzte Menschen, darunter drei Kinder.
Meine Notfallapotheke und die Antwort auf die Frage nach meinem Alltag packe ich ganz oben in meinen Rucksack.
