Ein kleines Stück Sicherheit
Hannah erzählt von zwei Fluchten, einem baufälligen Haus in Saksahan und der Suche nach einem Ort ohne Beschuss. Als wir sie besuchen, um mit ihr über die neuen Fenster in ihrem Haus zu sprechen, wird schnell klar, wie viel Verlust, Angst und Erschöpfung hinter diesem neuen Zuhause liegen. Was neue Fenster für eine Familie bedeuten können, die bereits zweimal alles zurücklassen musste.

Ira Ganzhorn
Referentin Humanitäre Hilfe

Ruhig musste es sein
Hannah ist fünfzig Jahre alt und alleinerziehend mit zwei Söhnen. Der jüngste besucht die erste Klasse, der ältere ist gerade volljährig geworden.
Zweimal geflohen
2015 ist sie mit ihren Söhnen aus Mariupol geflohen. In ein besseres Leben, wie sie sagt. Das bessere Leben sollte in Pokrovsk auf sie warten. Seit über zwei Jahren zählt Pokrovsk zu den meist angegriffenen Städten in der Region Donezk.
2024 floh die Familie erneut. Zunächst in die Westukraine, nach wenigen Monaten gingen sie nach Saksahan, ein kleines Dorf, zwei Autostunden von der Großstadt Dnipro entfernt.
Die lokale Verwaltung hat ihr ein baufälliges Haus zugeteilt. Sie kann dort kostenlos wohnen und muss nur die Nebenkosten bezahlen. Doch auch das ist oft schwierig: Sie ist als Lehrkraft an der lokalen Schule angestellt, für umgerechnet 120 Euro im Monat.
Wir sind gekommen, um ein Interview mit ihr aufzuzeichnen. Es soll um die neuen Fenster gehen, die sie für ihr Haus erhalten hat: ob sie mit dem Projekt zufrieden ist, ob alles gut geklappt hat, ob die Unterstützung bei ihr angekommen ist. Doch schnell wird klar, dass Hannah nicht erzählen kann, ohne in Tränen auszubrechen. Jede Erinnerung an die letzten elf Jahre löst Tränen und Angst aus.
Welche Erinnerungen diese Angst auslösen, bleibt unausgesprochen. Zweimal geflohen, zweimal alles zurücklassen müssen. Ihre Mutter konnte sich nicht vor der Okkupation retten. Sollte ihr etwas passieren, könnte Hannah nicht einmal zu ihr fahren. Ihr ältester Sohn erlitt bei einem Angriff eine Gehirnverletzung. Auch hier bleibt vieles unausgesprochen.
„Früher hatte ich alles: eine Wohnung, schön eingerichtet. Möbel nach meinem Geschmack. Eine gute Arbeit“, erzählt sie.
Heute ist alles anders. Sie lebt von Monat zu Monat, versucht, ihre beiden Kinder zu versorgen und in ein neues Leben zu finden.
Der Wunsch nach Ruhe
„Als ich das erste Mal das Haus besichtigt habe, war mir nur wichtig, dass es hier keinen Beschuss gibt. Ich habe jeden Menschen, der mir begegnet ist, gefragt, ob es hier ruhig sei.“
Das Dorf ist klein, die Front wird vom Fluss zurückgehalten. Kritische Infrastruktur gibt es hier nicht, das Dorf verfügt nicht einmal über öffentliche Verkehrsmittel.
Fotos von Autorin des Blogs





Der Zustand des Hauses war ihr egal, ruhig musste es sein.
Im letzten Monat konnte sie sich eine neue Couch kaufen, auf einer Plattform für gebrauchte Möbel. Am Tag des Interviews werden die neuen Fenster eingebaut. Sie werden durch unser Projekt ermöglicht, der Grund, weshalb wir eigentlich hier sind.
Auch die neuen Fenster sind ein wichtiger Schritt für die Familie. Die alten Fenster waren mit Brettern vernagelt, es kam kein Licht und keine Frischluft hindurch. In den Wintermonaten konnten sie kaum heizen, alle wurden krank.
Immer wieder fängt Hannah an zu erzählen und bricht dann doch in Tränen aus. Viele ihrer Sätze bleiben unvollendet. Was in diesen Leerstellen liegt, bleibt unausgesprochen.
Früher war Hannah gläubig und ging oft in die Kirche. Heute hadert sie mit ihrem Glauben.
„Wenn es einen Gott gibt, wie kann er all das hier zulassen?“
Erst vor Kurzem war sie in der Kirche und hat mit dem Pfarrer gesprochen. Eine Antwort auf ihre Zweifel hat sie nicht erhalten.
Ihre Tränen sind Hannah unangenehm. Das sei doch keine normale Reaktion, sagt sie.
Wir versichern ihr, dass sie sehr normal auf Umstände reagiert, die alles andere als normal sind. Zweimal fliehen, zweimal ein Zuhause verlieren, zwei Kinder großziehen, wie sollte das spurlos an einem Menschen vorbeigehen?
Trotzdem weitermachen
Statt des geplanten Interviews lassen wir Hannah das erzählen, womit sie sich sicher fühlt. Sie spricht über ihre Arbeit und darüber, wie viel Freude es ihr bereitet, Kindern etwas beizubringen.
Sie erzählt von ihrer Hündin, die sie bereits auf der Flucht aus Mariupol begleitet hat und die nun Welpen bekommen hat. Nach ihrem Einzug in das neue Haus hat Hannah außerdem eine Katze und einen weiteren Hund aufgenommen.
Hannah hat keine Antworten. Nicht auf die Frage, die sie dem Pfarrer gestellt hat. Nicht auf die Frage, wie es weitergehen soll. Aber sie steht morgens auf, zieht ihre Kinder groß, geht zur Arbeit und nimmt Tiere auf, die ein Zuhause brauchen. Vielleicht ist das, was bleibt, wenn alle Antworten ausbleiben: dass man trotzdem weitermacht
