Der letzte Zug nach Charkiw: Die Infrastruktur unter Beschuss
Heute ist der 18. März. Zum ersten Mal in vier Jahren Krieg hat die Ukrainische Eisenbahn den Hochgeschwindigkeitsverkehr auf der Strecke Poltawa–Charkiw eingestellt.

Dariia Khlebnikova
Projektleiterin bei WBWU in Charkiw

Derzeit ist die einzige Möglichkeit, Charkiw zu verlassen oder dorthin zurückzukehren, einer von drei Nachtzügen in Richtung Westukraine. Busse verkehren natürlich weiterhin – doch die Treibstoffpreise, zusammen mit den Ticketpreisen, steigen von Tag zu Tag.
Dieser Winter war besonders hart. Nach Monaten eisiger Temperaturen hat das Tauwetter nicht nur das Eis, sondern auch Teile der Straßenoberfläche zerstört. Reparaturen laufen, doch Zeit und Ressourcen werden überall gebraucht – und in einem Land, das seit vier Jahren im Krieg ist, sind sie dauerhaft knapp.
Aber zurück zu den Zügen.
Es begann vor einigen Monaten. Drohnen und Raketen trafen nicht mehr nur Infrastruktur und Güterdepots, sondern auch Personenzüge. Sumy, Mykolajiw, irgendwo auf freiem Feld, entlang der Strecke nach Kyjiw – entweder während der Fahrt oder an Bahnhöfen, an denen Menschen ein- und ausstiegen. Es gab Tote und Verletzte, zerstörte Waggons und verängstigte Kinder, die nachts stundenlang auf Hilfe warten mussten.
Auch die Infrastruktur für elektrische Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Poltawa und Charkiw wurde schwer beschädigt. Zunächst probierte man eine einfache Lösung: Eine Diesellokomotive wurde an den elektrischen Zug angekoppelt. Der Zug fuhr weiter, doch die Fahrt, die früher 90 Minuten dauerte, zog sich nun über drei Stunden – ohne Licht, funktionierende Toiletten, Belüftung oder Heizung. Zudem führten die Verspätungen dieses Zuges zu Störungen im gesamten Fahrplan.
Foto von der Website des Katastrophenschutzes im Gebiet Sumy.



Schließlich wurde entschieden, den Verkehr auf diesem Abschnitt für zwei Wochen einzustellen, um die Infrastruktur zu reparieren.
Ich drücke den Eisenbahnern, die diese Arbeiten zurzeit durchführen, die Daumen. Ich hoffe, dass keiner von ihnen dafür mit seinem Leben bezahlen muss – etwa durch einen Drohnenangriff.
Denn für uns geht es längst nicht mehr nur um Komfort. Die Ukrainische Eisenbahn ist zu einem Symbol in diesem Krieg geworden – ihre Züge brachten im Februar und März 2022 zehntausende Frauen, Kinder und ältere Menschen unter Beschuss in Sicherheit. Selbst damals wurden Personenzüge nicht so häufig gezielt angegriffen wie heute. Jetzt ist es so, und deutet mittlerweile auf ein Muster hin.
Ist das ein Versuch, uns psychologisch zu brechen? Ein Zeichen völliger Entmenschlichung? Ein weiterer Akt des Völkermordes? Eine Missachtung des humanitären Völkerrechts?
Wahrscheinlich ist es all das zugleich.
