Der Klang von Drohnen als Soundtrack der Kindheit: Psychosoziale Unterstützung in frontnahen Gemeinschaften
Das Leben in der Nähe des Frontverlaufs ist äußerst gefährlich und zieht sämtliche Teile des Lebens von Kindern in Mitleidenschaft. So haben sie kaum Gelegenheit zum Austausch mit Gleichaltrigen, praktisch keinerlei Möglichkeit, zu reisen und die Welt zu entdecken, und auch sonst fehlen ihnen sämtliche Erfahrungswerte, die eine normale Kindheit ausmachen.

Kateryna Shutaliova
Psychologin bei den Projekten von Somatic Experience Ukraine

Ich bin Kateryna Shutaliowa, Psychologin und arbeite im Rahmen des von Terre des Hommes geförderten Projekts „Stress Relief and Trauma Prevention for Children, Adolescents and Caregivers Affected by the War in Ukraine – Phase II“, das wir gemeinsam mit der lokalen Organisation Somatic Experiencing Ukraine umsetzen.
Im Rahmen des Projekts besuche ich regelmäßig Kinder in Gemeinden, die sich in der Nähe von Gebieten befinden, in denen aktive Kampfhandlungen stattfinden. Dort unterstütze ich Kinder, Jugendliche und ihre Bezugspersonen dabei, mit den Folgen von Stress und traumatischen Erfahrungen umzugehen.
Von 2022 bis 2024 habe ich am ersten dreijährigen Ausbildungsprogramm von Somatic Experiencing teilgenommen, das speziell für Ukrainer organisiert wurde. Heute arbeite ich als zertifizierte SE-Praktikerin.
Heute möchte ich Ihnen von meinen beiden letzten Besuchen in Chotimlia berichten, einem Dorf in der Region Charkiw, das nur wenige Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt liegt. Auf der Hauptstraße des Dorfes ist der Klang von Drohnen ein ständiger Begleiter. Hier ist der Krieg Teil des alltäglichen Lebens aller Bewohner. Die Gefahr lauert im Himmel und ist auch in der Anspannung der Bewohner spürbar. Die zerstörten Gebäude und Trümmer im Dorf veranschaulichen die Gefahr nur noch deutlicher.
Die Gebäude, in denen sich die Schul- und die lokale Verwaltung befanden, wurden durch russische Angriffe in Schutt und Asche gelegt. Das Dorf hat fast alle seine öffentlichen Plätze und Räumlichkeiten verloren. Die ambulante Klinik ist einer der wenigen Orte, an denen die Menschen noch zusammenkommen können. Die Möglichkeit, mit Gleichaltrigen zu spielen und einige sorglose und stressfreie Stunden zu verbringen, ist für die Kinder inzwischen ein seltenes Ereignis geworden.
Zusammen mit Freiwilligen der Initiative „Reindeers of St. Nicolas“ haben wir einige Geschenke gepackt und haben uns nach Chotimlia begeben, um zwei psychosoziale Spieleveranstaltungen abzuhalten.
Tag 1: Selbst die Entscheidung, überhaupt das Haus zu verlassen, fällt schwer
Zum Zeitpunkt unseres Besuchs lebten etwa fünfzig Kinder in Chotimlia. Jedoch konnten nur wenige von ihnen an unserer Veranstaltung teilnehmen. Einige Eltern traten an uns heran, um Geschenke für ihre Kinder zu holen, auch wenn sie nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnten. „Ich habe Angst, mein Kind aus dem Haus zu lassen“, erzählte mir eine der Mütter.
Ihre Worte spiegeln die Realität in frontnahen Gemeinden wider. Aufgrund der anhaltenden Gefahr verlassen viele Kinder nur sehr selten das eigene Grundstück.
Deshalb sind Möglichkeiten, sich zu treffen und zu spielen, umso wichtiger, auch wenn die Gefahr nie ganz gebannt ist.
Zu Beginn der Veranstaltung waren die Kinder im Alter von 5 bis 9 Jahren aufgeregt und ängstlich zugleich. Also arbeiteten wir zunächst in kleinen Gruppen und machten bewegungsbasierte Übungen und Spiele mit ihnen. Nach und nach verloren die Kinder ihre Anspannung und begannen, einander zu vertrauen. Plötzlich war dort eine ganz neue Wärme zu spüren.
Tag 2: Als Erstes müssen sich die Erwachsenen erden
Der nächste Tag in Chotimlia begann mit einer zusätzlichen Herausforderung. Die Lage nahe Staryj Saltiw hatte sich erneut verschlechtert und die Fahrt über den Fluss Siwerskyj Donez war nicht mehr gefahrlos möglich, weshalb dem Team eine deutlich erschwerte Rückreise bevorstand.
Fotos aus der privaten Sammlung der Autorin




Für die Einwohner vor Ort geht es dabei jedoch um weit mehr als nur Transport und Mobilität. Die Brücke über den Fluss stellt für sie die Verbindung zum Rest der Ukraine und der Außenwelt dar. Ist diese Verbindung gefährdet, führt dies zu mehr und mehr Angst innerhalb der gesamten Bevölkerung.
Auch wir spürten diese zusätzliche Anspannung. Bevor wir also mit der zweiten Veranstaltung begannen, hielten wir inne, um einander zu erden und zu stützen. Wieder einmal wurde mir etwas ganz Grundlegendes deutlich: Es sind weniger die Worte als vielmehr der emotionale Zustand von Erwachsenen, auf den die Kinder reagieren. Ein Kind nimmt das angespannte Nervensystem eines Erwachsenen viel stärker wahr als irgendwelche tröstenden und beruhigenden Worte. Deswegen mussten wir zunächst unser eigenes Nervensystem regulieren, bevor wir anfangen konnten, mit den Kindern zu arbeiten.
Dieses Mal waren die Teilnehmer zwischen 10 und 11 Jahre alt. In diesem Alter verstehen sie schon viel von dem, was um sie herum geschieht. Sie hören die Unterhaltungen der Erwachsenen, erleben den Krieg auf ihre eigene Art und Weise und versuchen, sich ihren eigenen Reim auf die Ereignisse in ihrer Umgebung zu machen.
Für die zweite Veranstaltung zog ich mir ein Eisbärenkostüm an, während meine Kollegin Mascha Suslowa unverkleidet arbeitete. Das war Absicht, denn gegenüber der sicheren und spielerischen Figur des Eisbären fiel es den Kindern wesentlich leichter, sich aufeinander einzulassen, ihre Gefühle auszudrücken und freimütig zu spielen.
Während der Bewegungsübungen warfen die Kinder weiche „Schneebälle“ auf den Bären, rannten, lachten und verloren schrittweise die Anspannung, die sie bis dahin mit sich herumgetragen hatten. So konnten sie ihren Gefühlen, die sich infolge des anhaltenden Stresses seit langer Zeit in ihnen angestaut hatten, sicher Ausdruck verleihen.
Einer der eindrucksvollsten Momente war für mich das Treffen mit zwei Brüdern, die ihre Mutter einige Monate zuvor verloren hatten. Getötet wurde sie durch einen russischen Angriff auf dem eigenen Hof. Die beiden Jungs kamen mit ihrer Großmutter, die sich nun um sie kümmert, zur Veranstaltung. Ich unterhielt mich mit der Großmutter der Jungs darüber, wie es der Familie geht und wie sie selbst zurechtkommt. Momente wie dieser können zwar nicht ändern, was passiert ist, doch helfen sie Familien dabei, zu spüren, dass sie mit ihrem Schmerz nicht alleine sind. Später nahmen die beiden Brüder an den Spielen mit den anderen Kindern teil. Sie lachten, interagierten und konnten für einige wenige Stunden einfach wieder Kinder sein, etwas, das jedes Kind verdient. Zum Ende der Veranstaltung wollte niemand gehen und wie immer bekam der Bär viele Umarmungen.
Warum wir das alles machen
Jeder dieser Besuche erinnert mich daran, dass es bei der psychosozialen Unterstützung nicht nur um Aktivitäten und Spiele geht. Vielmehr sollen damit Momente der Sicherheit an Orten geschaffen werden, an denen Sicherheit etwas sehr Zerbrechliches ist.
Wir können die Umstände, in denen Kinder in frontnahen Gemeinschaften leben, nicht ändern, aber wir können für sie da sein, ihnen beim Umgang mit schwierigen Gefühlen helfen und ihnen ein Stück weit zurückgeben, was ihnen der Krieg genommen hat: Spiele, Zugehörigkeit, Vertrauen und das Gefühl, nicht alleine zu sein.
Diese kleinen Momente sind es, die zum schrittweisen Wachstum einer Resilienz beitragen, die es den Kindern ermöglicht, auch in Kriegszeiten weiter zu gedeihen und zu wachsen.
An der Realität, in der diese Kinder leben, können wir auch nichts ändern, aber wir können ihnen zeigen, dass ihr Leben nicht nur aus Krieg, sondern auch aus Menschlichkeit, Zusammenhalt und Spielen besteht.
Vor der Pubertät wird das Gefühlsleben von Kindern hauptsächlich von den Erwachsenen in ihrer Umgebung geprägt. Die Erwachsenen zeigen den Kindern, wie sie mit ihren Gefühlen und mit Angst richtig umgehen und helfen ihnen dabei, Schritt für Schritt ein Gefühl der Sicherheit aufzubauen. Doch in vielen frontnahen Gemeinschaften leben die Erwachsenen selbst unter dauerhaftem Stress und nicht alle Kinder dort haben immer jemanden in der Nähe, der ihnen diese Art von Unterstützung bieten kann.
Deshalb ist psychosoziale Unterstützung so wichtig. Mit Spielen, Bewegung und einfachen Übungen helfen wir Kindern dabei, ihre Anspannung schrittweise abzubauen und stattdessen ein erneutes Gefühl der Sicherheit aufzubauen. Wir zeigen ihnen, dass es noch Erwachsene mit reguliertem Nervensystem gibt, auf die sie sich im Hier und Jetzt verlassen können. Wir suchen außerdem die Zusammenarbeit mit den Erwachsenen im Umfeld der Kinder, damit auch sie lernen, sich selbst besser zu regulieren und den Kindern eine Art von Sicherheit zu bieten, die nicht aus bloßen Worten, sondern aus einem stabilen Nervensystem und einem regulierten Gefühlsleben erwächst.
