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Belarus: Die Folgen der Freiheit

Tausende Menschen sind 2020 in Belarus auf die Straßen gegangen, um gegen die autoritäre Herrschaft Alexander Lukaschenkos und für Freiheit zu protestieren. Mehr als fünf Jahre später kämpfen viele von ihnen mit den drastischen Folgen dieser Entscheidung. 

Ken McBain

Ken McBain

LIBERECO-Vertreter in Großbritannien

Belarus: Die Folgen der Freiheit

Wir haben alle die Nachrichten im Fernsehen verfolgt und die Bilder gesehen von fremden Straßen voller Demonstrierender. Häufig mit wehenden Fahnen, rufend, skandierend, in Sprachen, die wir nicht verstehen. Und doch merken wir, dass dort Menschen ganz offensichtlich für das einstehen, woran sie glauben.

Selten allerdings sehen wir eines jener Gesichter ein zweites Mal auf unseren Bildschirmen. Vielleicht erfahren wir ein wenig über das Staatsoberhaupt. Vielleicht sehen wir auch ein kurzes Interview mit einem mutigen Demonstranten oder einer mutigen Demonstrantin – bevor Wasserwerfer die Straßen räumen, auf denen sie noch kurz zuvor protestierten. Doch was geschieht dann mit den Demonstrierenden? Kehren sie am nächsten Tag einfach zurück in ihren Alltag? Wie geht es denen, die einst Fahnen schwenkten, heute? Mehr als ein halbes Jahrzehnt später, nachdem ihr Gesicht kurz in einem Nachrichtenbeitrag aufgetaucht ist?

Im Sommer und Herbst 2020 sind Bilder aus Belarus über unsere Bildschirme geflackert. Damals erhob sich die Bevölkerung wie nie zuvor gegen die autoritäre Herrschaft Alexander Lukaschenkos. Hier sind die Geschichten derjenigen, die damals auf die Straße gingen und Losungen riefen. Die Repressionen dauern in Belarus bis heute an, daher haben wir alle Beiträge anonymisiert. Alle Namen wurden geändert, einige Details angepasst – aber alle geschilderten Erlebnisse sind echt.

Mikalai: Von der Familie abgeschnitten

Weil Mikalai 2020 mit der weiß-rot-weißen Fahne der Protestbewegung auf der Straße stand und ein Bild davon in den sozialen Medien postete, wurde er zwei Jahre später verurteilt. Denn die Sicherheitsbehörden durchforsteten das Internet nach Beweismitteln. Wegen des Fotos verbrachte er Monate im Gefängnis, lange wartete er auf seinen Prozess. Da er zu einem jahrelangen Hausarrest verurteilt wurde, floh Mikalai aus Belarus nach Polen. Weil er weiterhin eine große Wut auf das Regime hat, setzt er seine Protestaktivitäten im Exil fort – wohl wissend, dass er damit seinen Bruder und seine Eltern in Belarus in Gefahr bringen könnte. Weil Mikalai eine rot-weiß-rote Fahne in der Hand hielt, wird er seine Familie vielleicht nie wiedersehen. Auch deshalb leidet er an Depressionen und Panikattacken. 

Svetlana und Ales: Angst um die Kinder

Weil das Ehepaar Svetlana und Ales an einem Protestmarsch durch Minsk teilnahmen, wurden sie verhaftet. Beide wurden jeweils 30 Tage festgehalten. Die Großeltern nahmen in dieser Zeit die Kinder zu sich und kümmerten sich um sie. Als Svetlana und Ales wieder freikamen, war ihnen klar, dass die Behörden ihnen die Kinder wegnehmen könnten – unter dem Vorwand, sie seien untauglich für die Erziehung. Aus Angst, ihre Kinder zu verlieren, flohen sie nach Litauen. Weil Svetlana und Ales demonstrierten, wachsen ihre Kinder nun ohne Großeltern auf. Diese sind nun wiederum auf ihre Nachbarn angewiesen, wenn sie Pflege und Zuwendung benötigen. Und sie machen Svetlana und Ales große Vorwürfe, sie verlassen zu haben und ihnen die Enkelkinder vorzuenthalten.

Sasha: Arbeitslos und ohne Bankkonto

Weil Sasha sich um Nachbarn und Freunde sorgte, die verhaftet worden waren oder medizinische Hilfe brauchten, rief er einen Gruppenchat ins Leben, um mit allen Kontakt halten zu können. Weil er auf Social Media einen Kommentar gegen Polizeigewalt postete, landete er schließlich selbst in Haft. Da die Polizei das Handy eines Nachbarn durchsuchte und seine Administratoren-Rolle im Gruppenchat entdeckte, stuften sie Sasha als “Extremist” ein und verurteilten ihn zu drei Jahren Haft. Auch heute, nach seiner Freilassung, besuchen ihn die Polizeibeamten jede Woche ohne Vorankündigung. Wegen der Einstufung als “Extremist” findet er keine Arbeit mehr, kann kein Bankkonto eröffnen und muss sich fortan auf Nachbarn und Freunde stützen, um seinen Unterhalt zu sichern und seine Kinder zu versorgen. Weil er einen Gruppenchat gestartet hat, darf er Belarus nicht mehr verlassen.

Das Regime macht keinen Halt vor Landesgrenzen.

Seit 2020 gibt es in Belarus Tausende ähnliche Fälle. Die brutale Gewalt des Regimes führte zu zahlreichen tragischen Toden auf den Straßen und in Gefängnissen, zu Tausenden Fällen von Folter und körperlichem oder sexuellem Missbrauch in den Haftanstalten. Darüber berichten die Nachrichten hin und wieder. Doch die Unmenschlichkeit des Lukaschenko-Regimes führte auch zu zahllosen zerbrochenen Familien, zu Depressionen, Traumata, Isolation, posttraumatischen Belastungsstörungen, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus. Niemand weiß, wie viele Menschen das Land seit 2020 verlassen haben – Schätzungen liegen zwischen 500.000 und 800.000. Das bedeutet hunderttausende zerrissene Familien, zerschlagene Freundschaften und Menschen, die in fremden Ländern in einer anderen Sprache ein neues Leben aufbauen müssen, während sie um ihren rechtlichen Status ringen.

Doch die Böswilligkeit des Lukaschenko-Regimes macht keinen Halt vor Landesgrenzen. Denn zahlreiche Belarus*innen  werden auch im Ausland eingeschüchtert.

Vital: Unter Beobachtung

Vital hat Belarus vor fast 20 Jahren verlassen, blieb seiner Heimat aber eng verbunden. Er war entsetzt, als er 2020 die Bilder im Fernsehen sah: Vital kannte die Straßen, verstand die Rufe und Transparente. Er liebte das Land, das nun zerrissen wurde und erkannte Gesichter in der Menge wieder. Weil er Freunde hatte, die an den Protesten teilnahmen, schloss er sich den Demonstrationen im Ausland an. Er  teilte Fotos davon in den sozialen Medien, um seine Solidarität zu bekunden. Wegen der Fotos interviewte ihn 2021 ein Lokaljournalist, um seine Meinung zur Lage und zur Entführung der Ryanair-Maschine zu hören. Kurz darauf besuchte Vital die örtliche belarusische Botschaft, um Papierkram zu erledigen. In den Unterlagen, die er zurückerhielt, fand er auch ein Foto von sich, aufgenommen bei einem Protest einige Monate zuvor. Eine stille Nachricht der Botschaft: Sie wissen, was er tut. Seit dieser Einschüchterung nimmt Vital an keinen Protestaktionen mehr teil.

Im September 2023 beschloss das belarusische Regime, die Kompetenzen seiner Botschaften extrem einzuschränken. Die Auslandsvertretungen dürfen fortan keine Pässe, Geburtsurkunden oder anderen Dokumente mehr ausstellen. Alle offiziellen Papiere gibt es nur noch im Land. Tausenden Belarus*innen droht jedoch bei einer Rückkehr nach Belarus verhaftet zu werden. Mit einer einzigen Verordnung schuf das Regime also ein neues, schmerzhaftes Problem für seine Opponent*innen. Denn was tut man nach einigen Jahren im Exil mit einem abgelaufenen Pass? Wie weist man seine Identität nach? Und wie reist man überhaupt noch?

Alena: Ohne Papiere

Nachdem Alena Belarus verlassen hatte, musste sie im Exil ihre Dokumente erneuern. Mit einiger Furcht vereinbarte sie einen Termin bei der örtlichen belarusischen Botschaft, um einen Antrag zu stellen und die Unterlagen dazu persönlich zu übergeben. Doch weil Alena öffentlich gegen das Regime protestiert hatte, machten ihr die Mitarbeiter klar, dass sie unerwünscht sei und es Schwierigkeiten mit ihrem Antrag geben könnte: “Für Menschen wie Sie kann dieser Prozess lange dauern.” Eingeschüchtert verließ Alena die Botschaft und reichte den Antrag zunächst nicht ein. Dann verschärfte die Regierung die Regeln für die Botschaften. Alena kann dort nun keinen neuen Pass mehr beantragen. Dafür müsste sie nach Belarus zurückkehren, wo ihr eine Verhaftung droht. Weil Alena ihre demonstrierenden Freund*innen unterstützte, konnte sie nicht zu Beerdigungen von Angehörigen und weiß nicht, wann sie ihre Familie wiedersehen wird. 

Die Folgen der Freiheit

Diese Geschichten sind das Schicksal vieler Tausender, die 2020 aus Hoffnung auf mehr Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit auf die Straßen gingen. Wer hätte ahnen können, was folgen würde?

Wir alle müssen in unserem Leben vielleicht mal über Entscheidungen nachdenken, die wir getroffen haben. Ab und an werden wir vielleicht auch mal etwas bereuen oder uns zumindest fragen, was hätte sein können. Doch nur selten werden unsere Entscheidungen mit solcher Unbarmherzigkeit und Skrupellosigkeit wie in Belarus verfolgt.

Weil ein Diktator mit aller Gewalt an der Macht bleiben wollte, wurden Millionen belarusischer Leben auf den Kopf gestellt, Tausende gefoltert und Hunderttausende ins Exil gezwungen –fort von ihrer Heimat, ihrem Zuhause, ihren Familien und Freund*innen.

Das zeigt: Der menschliche Preis für die Herrschaft eines Diktators ist unvorhersehbar und unermesslich.

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