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15 Jahre Haft für Widerstand: Die Geschichte des Künstlers Bohdan Ziza

Bohdan Ziza ist ein ukrainischer Künstler aus Jewpatorija auf der besetzten Halbinsel Krim. Im Mai 2022 protestierte er gegen die russische Vollinvasion der Ukraine, indem er die Türen der Besatzungsverwaltung mit blau-gelber Farbe übergoss. Dafür verurteilte ihn Russland rechtswidrig zu 15 Jahren Haft.

Kseniia Levadna

Kseniia Levadna

Referentin Öffentlichkeitsarbeit

15 Jahre Haft für Widerstand: Die Geschichte des Künstlers Bohdan Ziza

Über seinen Fall und den Kampf um seine Freiheit habe ich mit seiner Schwester, der Aktivistin Sascha Barkova, gesprochen.

Kseniia Levadna: Wer ist Bohdan? Wofür steht er?

Sascha Barkova: Bohdan ist ein Mensch mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Schon vor dem russischen Angriffskrieg hatte er eine klare Haltung, die er bis heute lebt. Dass er seinem Protest gegen die Besatzung so eindeutig Ausdruck verleiht – in einer Stadt, die bereits seit acht Jahren besetzt ist – ist nicht nur mutig, sondern zutiefst selbstlos.

Trotzdem würde er sich niemals als Aktivisten bezeichnen, dafür ist er vielleicht zu bescheiden. Für ihn bedeutet Aktivismus etwas viel Größeres. Ich finde aber, dass er viel mehr für die Menschen auf der Krim getan hat, als bloß Farbe auf ein Gebäude der russischen Besatzer zu gießen. Er hat gezeigt, dass Widerstand möglich ist. Und dass Menschen selbst unter Besatzung aufstehen und laut sagen: Die Krim ist die Ukraine.

Vielen gibt das Kraft – denen, die noch auf der besetzten Halbinsel leben, aber auch denen, die die Krim verlassen mussten. Ich finde, genau das macht seinen Aktivismus aus.

Für mich ist Bohdan ein unglaublich warmherziger, empathischer und feinfühliger Mensch, der seine Wahrnehmungen und Erlebnisse in Prosa, Gedichte, Filme und Gemälde übersetzt. Gleichzeitig hat er diese enorme Stärke. Auf ihn kann man sich immer verlassen – selbst jetzt, unter den widrigsten Umständen. Auch aus der Haft heraus findet er die Kraft, unsere Familie und mich zu unterstützen. 

Vielleicht hängt das auch mit seiner Lebensgeschichte zusammen. Er hat seine Eltern früh verloren und ist bei seiner Großmutter aufgewachsen. In vielen Dingen war er früh auf sich allein gestellt. Menschlichkeit und Familie waren ihm daher immer besonders wichtig. Auch wenn er das nicht oft ausgesprochen hat, hat er immer Wege gefunden, uns das spüren zu lassen. 

K: Was bedeutet Aktivismus für Bohdan?

S: Schon 2019 hat Bohdan die Türen der Stadtverwaltung in Jewpatorija mit Farbe übergossen – damals in pink. Außerdem hat er Street Art geschaffen, und Wände mit Abbildungen von Lukaschenko mit blutverschmierten Händen bemalt – als Zeichen des Protests gegen die gefälschten Wahlen in Belarus. Seine “Waffe” war immer die Kunst.

Als wir im Mai 2022 von den schrecklichen Folgen der russischen Besatzung in Butscha und Irpin erfuhren, war Bohdan abgrundtief erschüttert. Wahrscheinlich hat er deshalb den Drang verspürt, seinen Protest in die Öffentlichkeit zu tragen. Er war damals sehr niedergeschlagen, hat aber kaum darüber gesprochen. Nebenbei hat er mal erwähnt, die Krim so schnell wie möglich verlassen zu wollen. Aber dafür hätte er lange auf einen Reisepass warten müssen. Das alles hat ihn sehr belastet.

Eines Tages ist er einfach verschwunden. Leider hat er mir nichts von seinen Plänen erzählt – ich hätte wahrscheinlich versucht, ihn davon abzuhalten. Wie gesagt, ich glaube nicht, dass er seine Aktion als Aktivismus aufgefasst hat. In einem Brief hat er mir später mal geschrieben: “Ich habe nach meinem Gewissen und meiner Ehre gehandelt.

Ich bin mir sicher, dass es für ihn einfach keine Option war, untätig zu bleiben. Wenn über der eigenen Heimat oder über dem Meer, an dem man aufgewachsen ist, tödliche Raketen abgefeuert werden, ist das kaum auszuhalten. Nicht, wenn man ein normaler Mensch ist, der zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Er wollte nicht auf der Seite des Bösen stehen. Das war nicht sein Weg.

K: Habt ihr heute Kontakt?

Fotos aus dem Archiv von Sascha Barkova

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S: Unser Kontakt besteht ausschließlich aus Briefen – seit seiner Festnahme. Es ist kein Austausch im klassischen Sinne, eher sehr vorsichtige Monologe im Abstand von zwei bis drei Wochen. Genau das ist Teil des Systems: Die russischen Behörden beschneiden und zensieren den Kontakt gezielt, um politischen Gefangenen ein Gefühl der Einsamkeit und Isolation zu vermitteln.

Telefoniert haben wir nie. Ich kann ihm aus der Ukraine nicht einmal direkt schreiben – nur über Drittländer. Das ist wirklich hart für mich. Aber für einen geliebten Menschen findet man immer Mittel und Wege. Trotzdem lebe ich in der ständigen Angst, dass unser Kontakt plötzlich abbrechen könnte. 

K: Erreichenihn denn Briefe von anderen Menschen? Was bedeuten sie ihm?

S: Die Briefe kommen an, aber nicht alle kommen an der Zensur im Gefängnis vorbei. Daher lesen wir sie vorher sorgfältig und reichen nur die weiter, die eine Chance haben, ihn auch wirklich zu erreichen.

Für politische Gefangene sind Briefe auch von unbekannten Menschen enorm wichtig. Sie zeigen: Wir vergessen dich nicht. Wir warten auf dich. Die russischen Gefängniswärter versuchen, Häftlingen einzureden, dass sich niemand mehr für sie interessiert. Die Briefe widerlegen das.

Bohdan liest alles, was ihn erreicht, und bewahrt es auf. Er ist sehr dankbar, auch wenn er nicht allen antworten kann. Diese Briefe sind eine Brücke zur normalen Welt. Wenn man fast nichts mehr hat, manchmal nicht einmal Hoffnung, dann halten sie einen aufrecht.

K: Wie wichtig ist internationale Aufmerksamkeit?

S: Internationale Aufmerksamkeit ist entscheidend dafür, ein Mindestmaß an Sicherheit zu schaffen und den Austausch am Leben zu halten. Als Bohdan im Mai 2022 plötzlich weg war, hatten wir keine weiteren Infos über ihn. Er war in keinem russischen Gefängnis registriert. Sehr wahrscheinlich wollte man ihn verschwinden lassen. Nur mit Hilfe von öffentlichem Druck und internationaler Solidarität konnten wir ihn finden. Wenn politische Gefangene bekannt sind, ist es für Russland riskanter, sie zu foltern oder zu töten. Öffentlichkeit ist ein Hebel. Das habe ich am eigenen Leib erfahren, nachdem ich international auf Bohdans Geschichte aufmerksam gemacht habe.

K: Was möchtest du Menschen sagen, die Bohdan unterstützen?

S: Ich möchte, dass sie wissen: Das, was sie tun, ist unglaublich wichtig. Ein einzelner Brief mag vielleicht klein und nichtig wirken – aber für einen politischen Gefangenen ist er eine riesige Erleichterung. 

Mich berühren besonders Menschen, die selbst keinen Krieg erlebt haben und trotzdem Mitgefühl zeigen und handeln. Einen Brief zu schreiben bedeutet, zu handeln. Und wir alle wissen: Auch eine kleine Geste ist immer besser als Untätigkeit.

Diese Menschen entscheiden sich für die Seite des Guten. Für die Ukraine. Und diese Unterstützung ist spürbar.

Verfasst von

Kseniia Levadna

Referentin Öffentlichkeitsarbeit

Mit 8 Jahren Erfahrung in der Arbeit mit ukrainischen NGOs im Bereich Menschenrechte, Urbanistik sowie in Bildungs-, Kultur-, Sozial- und Kunstprojekten bringt sie umfassende Expertise in Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit mit.

kseniia.levadna@libereco.org